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Objekt / Inventarnr.: Gm986

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Maria Theresia Josepha Gräfin von Fries mit ihren ältesten Kindern (Gemälde, Familienporträt)

Inventarnummer: Gm986
Hersteller: Abel, Josef (1764-1818)
Datierung: 1811
Material/Technik: Öl auf Leinwand
Maße: H. 199,0 cm; B. 158,4 cm
Marke/Inschrift: "Jos. Abel./fecit. 1811"
Sammlung: 19. Jahrhundert
20. Jahrhundert
Beschreibung:
Das streng in zwei Bildebenen des Vorder- und Hintergrundes gegliederte ganzfigurige Familienbild zeigt die Gräfin Fries mit dreien ihrer Kinder. Auf einer parallel zum Betrachter befindlichen, marmornen Parkbank sitzend wird Gräfin von Fries, rechts von zwei Mädchen, links durch den Knaben, umgeben. Den Hintergrund bildet einen stark luftperspektivisch gemalte idealische Hügellandschaft, links ein Laubwald, rechts laut Röttgen die leicht veränderte Villa Chigi in Arricia. Diese Hintergrundgestaltung betont durch den hinter dem Hals der Gräfin zentrierten See, die monumentalisierte Erscheinung der Figur. Die Gräfin ist in ein schlichtes, faltenreiches, weißes Empire-Kleid gekleidet, ähnlich jenem, in dem sie schon Gerard darstellte und dessen einziger Schmuck in einer weißen Palmettenstikerei am Saum besteht. Mit der linken Hand umfasst sie die Taille des auf der Bank stehenden Mädchens, das ihr mit einer momentanen Geste an den Hals greift, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Blick der Mutter, Kopf im Halbprofil und dem Mädchen zugewandt, geht jedoch unfixiert an diesem vorbei. Der rechte Unterarm der Gräfin ist mit einer klassizistischen Pathosgebärde nach oben gehoben, die Hand hält eine Pomeranzenfrucht. Links neben der Mutter stürmt der Knabe, halb verborgen in den Falten des blaßlila Überwurfes seiner Mutter, von hinten vor. Rechts, vor der Bank, auf dem Boden stehend, den Arm auf dem Knie der Mutter abgestützt, blickt das ältere der beiden Mädchen den Betrachter en face an. Die Mädchen sind wie ihre Mutter in schmucklose, weiße Gewänder gekleidet, was unter den weiblichen Figuren eine formale Einheitlichkeit herstellt. Lediglich die kräftig roten Schuhe der Kinder setzt ein Akzent im Gegensatz zu den hell-weißen der Mutter. Der Knabe, in helles Rot gekleidet, ist durch den einseitig herabhängenden Umhang in die Szene miteinbezogen. Das Kolorit der Figuren ist klassizistisch kühl, das Inkarnat erscheint ätherisch hell, was durch aufgesetztes Rouge noch verstärkt wird. Insgesamt ist eine Diskrepanz in der Schilderung der Kinder und ihrer Mutter festzustellen. Die spielerisch, natürlichen Bewegungen der Kinder finden in der Haltung der Gräfin keine Entsprechung. Ihr Sitzmotiv und die voreinander gestellten Füße in Verbindung mit dem erhobenen Arm gehen eindeutig auf Michelangelos Jesaias in der Sixtina zurück. (Abel hat während seines Romaufenthaltes zahlreiche Skizzen nach Michelangelo angefertigt, um sie in seinen späteren Historienbildern zu verwenden.) Das Gemälde ist das Bild einer Übergangsepoche: neue bürgerliche Empfindsamkeit vermischt sich mit klassizistischen Bedeutsamkeit. Es enthält verschiedene ikonographische Bezüge von allegorischen und symbolischen Bildmotiven. Der Knabe unter dem Mantel erinnert an das Schutzmantelmotiv, der blühende Rosenstrauch neben ihm an das Mariensymbol, und schließlich die isoliert hochgehobene Pomeranze an das Symbol der Schönheit und ewigen Jugend. Das Abel diese Symbole auf die Gräfin bezog, entspricht sowohl zeitgenössischen Schilderungen der Gemahlin des Grafen Fries als zehnfacher Mutter und großer Schönheit, als auch prinzipiell den Gegenstandswillen der deutschen Klassik, der personal Verkörperung von Ideen. Das wohlhabende und kunstsinnige Paar Fries galt zeitgenössischen Künstlern als ideale Verbindung moralischer Werte, Schönheit und Einfluss. Beethoven widmete ihnen die 7. Symphonie, Maler wie J. F. A. Tischbein oder Gerard schuften Bildnisse. Während aber Tischbein (Bildnis der Gräfin Fries, Kunsthalle Hamburg) die Gestalt der Gräfin durch schwebenden Gang und gloriolenhafte rokokoartig gebauschte Stofffülle poetisiert und Gerard (Bildnis des Grafen und der Gräfin Fries mit ihrem Erstgeborenen, 1804, Wien Kunsthistorisches Museum) mit der Darstellung des Kindes auf den Typus einer Heiligen Familie anspielt, zeigt Abel einen neuen Aspekt. Der konkrete bürgerlich-familiäre Bezug, illustriert durch das Spiel der Kinder, charakterisiert einen Übergang, an dessen Endpunkt das biedermeierliche Genrebild eines Ludwig Richter etwa steht.
Beschriftung:
Gräfin Fries, die trotz der glanzvollen gesellschaftlichen Stellung, welcher Wien ihr und ihrem Mann bot, sehr zurückgezogen lebte, war bei ihren Zeitgenossen berühmt für die hingebungsvolle Liebe, mit der sie sich ihren Kindern widmete. Dies bringt Abel zum Ausdruck, indem er in seiner Komposition das Thema der "Caritas" anklingen läßt. Das Bildnis repräsentiert die mütterliche Liebe. Es wird so zu einem Sinnbild "persönlicher Tugend", welcher die Aufklärung als "standesunabhängige" Auszeichnung des Individuums durch geistige und sittliche Bildung vermitteln wollte.
Literatur:
Katalog der Auktion Nr. 1629 bei R. Lepke, Berlin, 12.12.1911, Nr. 46, Tafel 16. — Anzeiger des GNM, Nürnberg 1912, Taf.I. — Schulz, Fritz Traugott: Das Germanische Museum in Nürnberg. München 1923, S. 24. — Sauerlandt, Max: Kinderbildnisse aus 5 Jahrhunderten der europäischen Malerei von etwa 1450 bis etwa 1850. Leipzig 1923, S. 151. — Grünstein, Leo: Das Alt-Wiener Antlitz. Wien 1931, Bd. 1, S. 120. — Haman, Richard: Geschichte der Kunst. Berlin 1932, S. 751, Abb. 945. — Katalog der Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg. Nürnberg 1934, S. 7. — Lutze, Eberhard: Malerei des deutschen Barock und Rokoko. (Bilderbücher des Germanischen Nationalmuseums), Nürnberg 1934, Bd. 2, Abb. 103. — Blauensteiner, Kurt: Gerards Bildnis des Reichsgrafen Fries. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien, Bd.2, 1940, S. 126, Abb. 4. — Preysing, August Graf: Das Familienbildnis des grafen Fries. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien, Bd. 9, S. 105, Abb. 14. — Röttgen, Herwarth: Über eine sentimentalische Bildnisidylle im Geist der deutschen Klassik. In: Anzeiger des GNM, Nürnberg 1965, S. 165-179. — Anzeiger des GNM, Nürnberg 1966, S. 169-169. — The age of Neoclassicism. Ausst.Kat. Royal Academy, Victoria and Albert-Museum London 1972, Katalog of Paintings, Nr. 2. — Geboren und Gefangen. Deutsche Familienbilder des 19. Jahrhunderts. Ausst.Kat. Westfällisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Münster 1986, Abb. Nr.1. — Schätze und Meilensteine deutscher Geschichte aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Nürnberg 1997, S. 155. — Treasures of German Art and History in the Germanisches Nationalmuseum, Nuremberg. Nürnberg 2001, S. 155. — Germanisches Nationalmuseum: Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2001, S. 221. — Laffan, William (Hrsg.): The sublime and the beautiful. Irish art 1700--1830. Ausst.Kat. Pyms-Gallery, London 2001, S.137, Abb. 43. — Ursula Peters: Bürgerliche Kunst und Kultur im 19. Jahrhundert. Vom Vorabend der Französischen Revolution bis zur Epoche der Weltausstellungen. Neueröffnung der Schausammlung. In: Vernissage, 9.Jahrg., Heft 101 (1852--2002 Germanisches Nationalmuseum), Abb.S.13. — Grabner, Sabine, Krapf, Michael (Hrsg): Aufgeklärt bürgerlich. Porträts von Gainsborough bis Waldmüller 1750-1840. München 2006, Nr. 74. — Peters, Ursula: Köstliche Pomeranze und Bildungsfrucht. Joseph Abels Porträt der Gräfin Fries mit ihren Kindern. In: Die Frucht der Verheißung. Zitrusfrüchte in Kunst und Kultur. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum, bearb. von Yasmin Doosry, Christiane Lauterbach und Johannes Pommeranz. Nürnberg 2011, S. 164-168. — Ursula Peters: 19. Jahrhundert. In: Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2012, S. 174, Abb. 173.
 
 
3.3.130726