Beschreibung
In recht primitiver Weise, mehr der Malerei als einer Arbeit in Stein verpflichtet, stellt der unbekannte Steinmetz in einer heute kaum mehr zu entschlüsselnden Symbolsprache die Botschaft der christlichen Lehre vor. Die Mitte der Komposition nimmt ein Flechtbandwerk in Kreuzesform ein, an dessen Spitze drei Flammen sichtbar werden. Darunter ist eine männliche Halbfigur angebracht; der Mann hält einen Ölzweig im Munde. In der echten oberen Ecke steht ein Hahn, zu seinen Seiten einmal das lateinische Kreuz, dann das griechische Kreuz im Kreis. Unter ihm nach rechts blickend ist ein Untier an eine Kette festgebunden. Dem Vogel steht gegenüber auf der anderen Seite ein mächtiger Löwe. In den Ecken zwei Ornamente mit Flechtwerk. Das Tympanon wird unten von einer Rahmenleiste mit Kreuzmustern, auf dem Bogenrund von einer Blattranke eingefaßt. Die Entschlüsselung der Bildsprache ist kaum mehr möglich. Einzelne Bildelemente lassen sich vielleicht deuten. So kann das kreuzförmige Flechtbandwerk als ein Ewigkeitssymbol aufgefasst werden, zugleich ist der Hinweis auf die Trinität durch die drei Flammen gegeben. Der Hahn gilt als Zeichen der Wachsamkeit des Christen; die beiden Kreuze stellen sich gleichsam wie magische Abwehrzauber stützend dazu. Der Löwe ist hier als eine Personifikation des Bösen zu verstehen, der das göttliche Symbol bedroht. Andererseits wurde aber bereits der Höllenhund besiegt, denn er liegt angeschmiedet an der Kette und ist somit unschädlich. Der Menschenkopf als Ort der Lebenskraft (pars pro toto) hält den Ölzweig und gibt sich damit als Friednsbringer (Christus) zu erkennen. Das Flechtwerk mit seinen Schlingen in den Ecken kann möglicherweise wiederum als ein magischer Abwehrzauber angesehen werden. Das Relief ist flach gehalten; einfache, auf den Stein gezeichnete Linien werden nur wenig tief ausgehoben. Die Komposition scheint kaum ausgewogen. Offensichtlich kommt es bei den Zeichen einzig auf die Symbolkraft an, somit ist ihre Anordnung zweitrangig. Da für den Bau der Martinikirche keine genauen Daten überliefert sind, kann als Datierung des Reliefs nur ganz allgemein die Mitte des 12. Jahrhunderts genannt werden. (nach Rainer Budde, Deutsche romanische Skulptur 1050- 1250, München 1979, S. 49)