Beschreibung
Tischfernrohr komplett aus Messing. Ein Trieb. Mit Objektivdeckel. Dreibeiniges Stativ. Stativfüße einklappbar. Bezeichnet: "Tiedemann / Stuttgart.".
Johann Heinrich Tiedemann (geb. 04.07.1742, gest. 30.04.1811) betrieb in Stuttgart eine optisch-feinmechanische Werktstätte. Bereits 1785 fertigte er Fernohr-Auszüge gelegentlich aus Messing, während zeitgleich andere europäische Hersteller meist noch Fernrohre aus Pappe hergestellten. Ebenso baute er seit 1785 achromatische Fernrohre. Im selben Jahr erschien in Stuttgart unter dem Titel "Beschreibung der von ihm verfertigten achromatischen Fernröhren, zusammengestzten Vergrößerungsgläser, und anderer zur Mathematik und Physik gehörigen Werkzeuge" eine von Tiedemann selbst verfasste Schrift über seine Instrumente. Zu seinem Instrumentenrepertoire zählten auch Mikroskope.
Zwar nahmen seine Mikroskope aufgrund der mechanischen und optischen Einrichtung eine führende Stellung ein, dennoch erreichten diese entwicklungstechnisch nicht den Stand, der im Ausland, speziell in England gegeben war. Sein Mitarbeiter Johann Friedrich Voigtländer (1779-1857) verließ daher nach langjäriger Beschäftigung die Stuttgarter Werkstätte, um seine Ausbildung als Geselle in London fortzusetzen.
Am 01.09.1797 beehrte Goethe Tiedemann auf seiner Reise in die Schweiz mit einem Besuch in Stuttgart und hielt schriftlich fest: "Stuttgart den 1. September 1797. Gestern Nachmittag war ich beim Mechanikus Tiedemann, einem unschätzbaren Arbeiter, der sich selbst gebildet hat. Mehrere Gesellen arbeiten unter ihm, und er ist eigentlich nur beschäftigt, seine Ferngläser zusammenzusetzen: eine Bemühung, die wegen der Objectiv-Gläser viel Zeit erfordert, indem diejenigen Gläser, die eigentlich zusammengehören, jedesmal durch die Erfahrung zusammengesucht werden müssen. Ein Perspectiv, dessen erstes Rohr ungefähr 18 Zoll lang ist und durch das man eine Schrift von ungefähr einem Zoll hoch auf 600 Fuß sehr deutlich lesen, ja deutlich unterscheiden kann, verkauft er für 7 1/2 Carolin."