Titel
Porträt des Humanisten Christoph Scheurl
Allgemeine Bezeichnung
Gemälde, Porträt
Inventarnummer
Gm2332
Proviso
Leihgabe der Freiherrlich von Scheurlschen Familienstiftung
Sammlung
Gemälde bis 1800
Herstellungsort
Wittenberg
Herstellungsdatum
1509
Hersteller
Cranach, Lukas d. Ä. (1472-1553)
Maße
H. 48,5; B. 40,5 cm; Rahmen: H. 57,0 cm; B. 49,0 cm; T. 3,5 cm
Material und Technik
Malerei auf Lindenholz
Vermerk am Objekt
Beschriftung: Monogramm L C dazwischen die Schlange; darunter das Datum 1509 (1509, am rechten Bildrand neben dem Oberarm des Dargestellten)

Vitrinentext
Scheurl - Rektor der Universität Wittenberg - hatte Cranach 1509 öffentlich als Malergenie gepriesen. Auch die von ihm verfasste Inschrift lobt die Kunstfertigkeit des Malers. Das Bildnis sei der natürlichen Gestalt des Humanisten zum Verwechseln ähnlich. Öl auf Eichenholz, Inv. Gm 2332 (Leihgabe aus Privatbesitz)

Beschreibung
Bildnis des 1481 geborenen Dr. Christoph Scheurl, Jurist und Professor an der Universität Wittenberg (Rektor seit 1. Mai 1507) und ab 1512 als juristischer Beirat des Nürnberger Rats tätig. Der 28 Jährige trägt über einem reichverzierten weissen Hemd einen grau-schwarzen, pelzgefütterten Damastmantek sowie die damals modische Netzhaube, mit der sich auch Kurfürst Friedrich der Weise ab 1508 darstellen ließ (vgl. sein Bildnis unter Inv. Nr. Gm 223). Moosgrüner Grund, Signatur und Inschriften gelb. Originaler schwarzer Rahmen mit vergoldeter Kehle und innerer Schräge.

Das Porträt ist ein einzigartiges Zeugnis für den gelehrten Austausch zwischen Künstler und Humanist: Maler und Dichter stilisieren sich gegenseitig als großartige und bewunderungswürdige Persönlichkeiten. In einer öffentlichen Rede hatte Scheurl Cranach als Malergenie gepriesen. Er wies dabei auf ein Gemälde hin, auf dem Cranach ihn so sorgsam dargestellt habe, dass Scheurl auf dem Bild eine lateinische Inschrift anbringen ließ, die übersetzt lautet: „Wenn Dir, Wanderer, Scheurl bekannt ist, wer ist mehr Scheurl: dieser oder jener?“, er meinte also: der gemalte oder der leibhaftige? Diese Inschrift sieht man auf dem Bild oben links. Höher konnte das Lob an einen Maler nicht sein: Das gemalte Bildnis ist der Natur zum Verwechseln ähnlich!
Ein solches Künstlerlob war im Jahr 1509 nicht mehr neu. Zehn Jahre zuvor hatten deutsche Humanisten Albrecht Dürer auf diese Weise in höchsten Tönen gelobt. Scheurl übertrug alle diese Ehrerbietungen auf Cranach. Darunter auch seine Fähigkeit, die Natur täuschend echt zu imitieren. Darin sei Cranach, so Scheurl, so gut gewesen wie der berühmte antike Maler Zeuxis: Der hatte Trauben so realistisch gemalt, dass Vögel herbeigeflogen seien, um an ihnen zu picken.
Das Bildnis lobt indes nicht nur Cranach, sondern strotzt geradezu vor Anspielungen auf die Gelehrsamkeit Scheurls: Oben links steht, dass es den Doktor beider Rechte in seinem 28. Lebensjahr zeigt. In Abwandlung eines römischen Sprichworts steht rechts „fortes fortuna formidat“, das Schicksal fürchtet die Starken. Unter diesem Wahlspruch gab Scheurl seine Cranach-Rede im Dezember 1509 in Druck. Das dreifache A darunter lässt sich nicht eindeutig auflösen. Es könnte für: „Ave, amice, abi“ stehen, „Sei gegrüßt, mein Freund, gehe weiter“ oder für „Apelles Ars Alemanicus“ „also: „der deutsche Apelles“; das wäre eine weitere Anspielung auf Cranachs Großartigkeit, denn Apelles war einer der berühmtesten Maler der Antike.
Die Kleidung betont den gesellschaftlichen Rang des Dargestellten. Unter den kostbaren Ringen fällt besonders jener mit den zwei ineinandergreifenden Händen ins Auge: Ein solcher Ring befindet sich auch in den Sammlungen des Germanischen Nationalmuseums (Inv. T 146). Das „Treuhändemotiv“ galt als Zeichen der Liebe und Freundschaft. Da Scheurl erst 1519 heiratete, ist hier jedoch weder an einen Verlobungs- noch an einen Hochzeitsring zu denken.
Literatur
Gunnar Heydenreich: Lucas Cranach the Elder. Painting materials, techniques and workshop practice. Amsterdam 2007, S. 63, 200
Ausst. Kat. Dresden 1899, Nr. 4.
Flechsig: Cranachstudien, S. 86 (..........).
Eduard Flechsig: Die Tafelbilder Lucas Cranachs d.Ä. 1900, Taf. 11.
Max J. Friedländer-Jakob Rosenberg: Die Gemälde von Lucas Cranach. Berlin 1932, Nr. 22 (Scheurl erwähnt dieses Porträt in seiner Lobrede auf Cranach vom 1. Oktober 1509).
Lucas Cranach. Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik, 2 Bde. Ausst.Kat. Kunstmuseum Basel. Bearbeitet von Dieter Koepplin und Tilman Falk. Basel-Stuttgart 1974 und 1976, S. 264, Nr. 164, Abb. 120 (Verweis auf Rede 1508 in Wittenberg, gedruckt mit Widmung an Cranach 1509; Übersetzung von Inschrift und Devise; die drei "A" und die drei "M" auf der Hemdborte sollen Bedeutung anzeigen; besinnlich-würdige Porträtfigur).
Lucas Cranach. Ein Maler-Unternehmer aus Franken. Ausst. Kat. Festung Rosenberg, Kronach; Museum der bildenden Künste, Leipzig. Hrsg. von Claus Grimm, Johannes Erichsen u. Evamaria Brockhoff. Augsburg 1994, S. 335, Nr. 156 mit Farbabb. (erinnert an die Bildnisse Jacopo de Barbaris, z.B. Albrechts v. Brandenburg 1508; Gemälde 1994 gereinigt und klares Kolorit wieder deutlich gemacht).
Emporium. 500 Jahre Ausst. Kat. Universität Halle-Wittenberg, Halle 2002, S. 151, Nr. II.1/6a (nach älterer Literatur).