Eine versteckte Botschaft
Was einst in diesem Kästchen verwahrt wurde, ist heute nicht mehr bekannt. In solchen mit Eisenbeschlägen und Schlössern gesicherten Schatullen wurden im Mittelalter persönliche Wertgegenstände oder wichtige Urkunden aufbewahrt. Dass es sich beim Inhalt um Zeugnisse der Liebe handelte, lässt die Bildszene auf der Mehr

Eine versteckte Botschaft
Was einst in diesem Kästchen verwahrt wurde, ist heute nicht mehr bekannt. In solchen mit Eisenbeschlägen und Schlössern gesicherten Schatullen wurden im Mittelalter persönliche Wertgegenstände oder wichtige Urkunden aufbewahrt. Dass es sich beim Inhalt um Zeugnisse der Liebe handelte, lässt die Bildszene auf der Innenseite des Deckels vermuten. Doch könnte auch das Kästchen selbst eine Liebesgabe gewesen sein.
Die vier Figuren verkörpern verschiedene Facetten der idealen Liebe. Den Mittelpunkt bildet die weiß gekleidete Figur der Keuschheit. Mit ihrer Krone ist sie als herrschende Liebestugend erkennbar. Vor ihr kniet etwas kleiner die Tugend der Demut. Für sie ist die Frucht bestimmt, die mit einem Goldregen vom Himmel fällt. Ein diagonales Schriftband erläutert die Szene: „kunsthkeit schiket zu gnaden dimietikeit enpfächt" (Keuschheit lässt zu Gnaden kommen, Demut empfängt).

Wahre Liebe
Die weiblichen Tugenden Keuschheit und Demut werden flankiert von zwei männlichen Figuren. Links steht ein modisch gekleideter Jüngling. Sein geöffnetes Gewand entblößt ein rotes Herz, das mit den Worten "aer" (fern) und "nach" (nahe) eingefasst wird. Auf Stirn und Rocksaum sind die Worte "winter, sumer" (Winter, Sommer) und "Tod - lebe" (Tod, Leben) zu lesen. Dem linken Schriftband zufolge verkörpert der Mann die wahre Liebe, die alles - Entfernungen, Zeit und Sterblichkeit - überdauert.

Die Schattenseite der Liebe
Als Gegenstück steht rechts ein weitgehend unbekleideter Mann. Mit einer Peitsche geißelt er sich selbst. Die in die Riemen eingefügten Knoten sind beschriftet mit den Worten "weinen, will, sprich, tun" (ich weine, ich will, ich spreche, ich tue). Das rechte Schriftband lässt ihn seine Folter erklären: "ich bins der nakend bloss und warten der gnaden groß myden, lyden ist mein genoß" (Ich warte nackt und bloß auf Erbarmen, Meiden und Leiden sind meine Gefährten). Er verkörpert die andere Seite der Liebe: die Entblößungen, die man durch sie erfährt, und die Qualen, die sie bereiten kann, wenn sie unerfüllt bleibt.
Was einem hier vor Augen geführt wird, ist ein Lehrstück in mittelalterlicher Moral. Welche Bedeutung die Liebe für die Menschen damals hatte, welche Gefühle sich im wahren Leben mit ihr verbanden, lässt sich heute nicht mehr sagen. Klar ist jedoch, dass die Ideale weltlicher Liebe fest im christlichen Glauben und seinen Moralvorstellungen verankert waren.
 

Weniger
Allgemeine Bezeichnung
Kästchen aus Holz, mit Eisenbeschlägen, innen bemalt
Inventarnummer
HG238
Sammlung
Kunsthandwerk I (bis 1500)
Anzahl der Teile
1
Herstellungsort
Oberrhein;
Herstellungsdatum
1430/1440
Maße
H. 15,0 cm; Br. 29,5 cm; T. 18,0 cm
Material und Technik
Buchenholz; Eisenbeschläge; Temperamalerei
Beschreibung
Kästchen aus mit Zinken gefügten Buchenholzbrettern, die außen zusätzlich mit eisernen, an den Stellen der Nägel rosettenartig ausgebildeten Beschlägen umspannt sind. Der flach aufliegende Deckel aus Vollholz ist zur Mitte hin firstdachartig verdickt, er ist mit zwei Scharnieren am Corpus befestigt. Oben mittig sitzt ein eiserner Tragegriff. - Das Kästchen ist mit zwei Bügelfallen ausgestattet, die vom Deckel über die Vorderseite geklappt werden können; an der Vorderseite sitzt eine Schlossblende, hinter der sich eine Sperreinrichtung befindet. Offenbar wurde der zweite Bügel, der auf der Vorderseite über eine zusätzlich angebrachte Öse fällt, nachträglich und unter Beschädigung der Malerei auf der Innenseite angebracht. - Während die Außenseiten holzsichtig belassen wurden, sind die Innenseiten von Kasten und Deckel bemalt, der Boden ist innen mit einem modernen Papier kaschiert, unter dem noch geringe Reste ursprünglicher Farbe zu finden sind. Die Innenseiten der Wände sind ornamental mit einem grünfarbigem, krausen Blatt- und Rankenwerk ausgeschmückt. Auf der Innenseite des Deckels ist eine figürliche Szene vor rotem, sternenübersätem Grund zu sehen, die durch umlaufende Schriftbänder gerahmt wird. In der Bildmitte sitzt auf einem Terrainsockel eine weibliche Gestalt mit Schleier und Krone, zu deren Rückenkontur ein Schriftband parallel läuft. Vor ihr kniet eine maßstäblich kleinere, ebenfalls weibliche Figur in dunklem Gewand. Ihr Haar ist mit einer Perlschnur geschmückt, ihre verhüllten Arme sind nach oben gestreckt, um einen goldenen Apfel aufzufangen, der inmitten eines Goldregens vom Himmel fällt. Das Schriftband zu Seiten der Bekrönten trägt die Inschrift "kunsthkeit schiket zu gnaden dimietikeit enpfächt" (Keuschheit lässt zu Gnaden kommen, Demut empfängt) und kennzeichnet die beiden Figuren als Personifikationen der Tugenden Keuschheit und Demut. - Zu beiden Seiten der Tugenden stehen männliche Gestalten. Die linke ist kostbar und modisch gekleidet, das Gewand ist von der Taille aufwärts geöffnet und entblößt ein großes rotes Herz, das oben und unten von je einem Schriftband eingefasst wird. Die Inschrift des oberen lautet: "aer" (fern), unten ist das Wort "nach" (nahe) zu sehen. Auch vor dem Haupt des Mannes befindet sich ein Band mit den Worten "winter, sumer" (Winter, Sommer), zudem ist der Rocksaum mit "Tod - lebe" (Tod, Leben) beschriftet. Die Deutung dieser Figur erschließt sich aus dem Text eines breiten weiteren Bandes, das die gesamte Szene links begrenzt: "Wer also recht lieby treit, dem von Gott unverseit, Owe der welt unglichkeit" (Wer also rechte Liebe trägt, dem ist sie von Gott gewährt. Oh Weh über die Ungleichheit der Welt.) Der Mann verbildlicht demnach die wahre Liebe, die alles - Entfernungen, Zeit und Sterblichkeit - überdauert. -- Demgegenüber steht am rechten Bildrand ein nur mit einem Schamtuch bedeckter, ansonsten nackter, sich geißelnder Mann. Die Knoten der Rute tragen die Worte "weinen, will, sprich, tun" (ich weine, ich will, ich spreche, ich tue) als Beschwörung reuiger Taten. Das rechte, das Feld begrenzende Schriftband nimmt auf diese Reuegesten Bezug: "ich bins der nakend bloss und warten der gnaden groß myden, lyden ist mein genoß" (Ich warte nackt und bloß auf Erbarmen, Meiden und leiden sind meine Gefährten). Die Inschriften, der entblößte Körper und die Selbstgeißelung könnten den Mann als Verkörperung der Reue kennzeichnen. -- Malstil und Dialekt der für ein Kästchen als Bildträger ungewöhnlichen Darstellung sprechen für eine Entstehung am Oberrhein.
Literatur
Das Germanische Nationalmuseum. Organismus und Sammlungen. Zweite Abtheilung. Kunst- und Alterthums-Sammlungen. Nürnberg 1856, S. 165 Link zur Bibliothek
Heinrich Kohlhaussen: Unveröffentlichte frühe deutsche Schmuck- und Minnekästchen. In: Zeitschrift des deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 3, 1949, S. 13-14, Abb. 18
Alfred Stange: Kritisches Verzeichnis der deutschen Tafelbilder vor Dürer. Bd. 2, München 1970, S. 18, Nr. 7 Link zur Bibliothek
Spiegel der Seligkeit. Privates Bild und Frömmigkeit im Spätmittel. Katalog zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, 31.5.-8.10.2000. Nürnberg 2000, Nr. 106 (Annette Scherer) Link zur Bibliothek
Köln im Mittelalter. Geheimnisse der Maler ; erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum