Ein besonderes Geschenk
Wie viele Rüstungen in der Sammlung des GNM war dieser Plattenharnisch für das Turnier bestimmt. Er gehörte zu einer Serie von sechs gleichartigen Harnischen mit Zusatzstücken für verschiedene Disziplinen. In Auftrag gegeben hat ihn die sächsische Kurfürstin Sophie als Geschenk für ihren Ehemann, Christian I. von SaMehr

Ein besonderes Geschenk
Wie viele Rüstungen in der Sammlung des GNM war dieser Plattenharnisch für das Turnier bestimmt. Er gehörte zu einer Serie von sechs gleichartigen Harnischen mit Zusatzstücken für verschiedene Disziplinen. In Auftrag gegeben hat ihn die sächsische Kurfürstin Sophie als Geschenk für ihren Ehemann, Christian I. von Sachsen. Der turnierbegeisterte Kurfürst hatte in seiner Dresdner Residenz eigens einen Platz für Reiterspiele bauen lassen, der 1591 fertiggestellt wurde. Zu Weihnachten jenes Jahres sollte er die Rüstungen als Geschenk bekommen. Christian I. starb jedoch kurz vor dem Fest im Alter von nur 30 Jahren.

Aufgerüstet
Sowohl für das Turnier als auch die Feldschlacht wurden Rüstungen im 16. Jahrhundert als eine Art modularer Bausatz hergestellt. Diese sogenannte Harnischgarnituren konnten – je nach Kampfart oder Turnierdisziplin – zum besseren Schutz mit Zusatzteilen verstärkt werden. Die einzelnen Elemente waren mit Lederriemen verbunden, Schnallen ermöglichten einen raschen Austausch.
In der gezeigten Zusammenstellung ist der Harnisch speziell für den Turnierkampf zu Fuß konzipiert. Schultern und Fingerhandschuhe waren durch die vielen Glieder besonders beweglich, was für den Schwertkampf wichtig war. Da hierbei die Schläge vor allem von oben kamen, ist der Helm mit einem hohen Grat verstärkt. Die Schultern sind so gearbeitet, dass die Rüstung auch für den Reiterkampf geeignet war: Die rechte Schulter ist vor der Achselhöhle offen, so dass genügend Raum für eine Lanze blieb.

Handwerkliche Meisterleistung
Als der Plattenharnisch entstand, war die Blütezeit des Plattnerhandwerks bereits vorbei. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war zur Ausrüstung von großen Söldner­heeren vor allem schlichte Massenware für Hunderte von Fußsoldaten gefragt. Der in Augsburg tätige Anton Pfeffenhauser war einer der letzten großen Plattnermeister, der solche Maßanfertigungen schuf. Er veredelte das Metall mit einer technisch sehr schwierigen Bläuung. Dafür wird das polierte Blech gleichmäßig auf etwa 300°C erhitzt, bis die Oberfläche erst rötlich, dann blau anläuft. Zusammen mit den Blattranken in vergoldeter Ätzung zeigt Pfeffenhauser bei diesem Harnisch alle Raffinessen seiner Handwerkskunst.
 

Weniger
Titel
Plattenharnisch für das Fußturnier
Allgemeine Bezeichnung
Harnisch
Inventarnummer
W2770
Sammlung
Wissenschftl. Instr.-Waffen-Pharmazie
Herstellungsort
Augsburg
Herstellungsdatum
dat. 1591
Hersteller
Anton Pfeffenhauser (um 1525-1603)
Maße
H. ca. 120 cm
Material und Technik
Eisen, Stahl, Messing, - geschmiedet, getrieben, geschliffen, geätzt, gebläut, vergoldet; Beriemung: Leder
Standort
Dauerausstellung Waffen, Jagd, Gartenkultur
Beschreibung
Der Harnisch besteht aus Körper, Armzeug und Helm, ohne Beinzeug. Der geschlossene Helm mit stark ausgetriebenem Kamm hat einen Stift zum Offenhalten des aufgeschlagenen Visiers. Der Harnischkragen ist dreifach geschoben, mit geschnürltem Rand und mit Riemen zum Befestigen der Achseln versehen. Die Brust ist stark gegratet mit Gansbauch. Die Bauchreifen sind mittels außen liegender Lederriemen angehängt. Die Arme sind mit Fingerhandschuhen versehen. Die Schultern sind ungleich. Die rechte Schulter erlaubt den Gebrauch auch als Reiterharnisch. Auch die Löcher auf der rechten Brustseite würden die Anbringung eines Rüsthakens für die Lanze erlauben. Die gegenwärtige Konfiguration ist dagegen für den Kampf zu Fuß gedacht. An Visier, Kragen, Brust, Rücken und Armkacheln ist die Augsburger Beschaumarke eingeschlagen. Alle Teile sind gebläut. Helmglocke, Brust, Rücken, Flüge, Armmuscheln, Stulpen und die unteren Folgen der Beintaschen sind mit großzügigen, durch zartes Rankenwerk aufgeteilte Blattranken in vergoldeter Ätzung verziert.
Vermerk am Objekt
Marke: (Visier, Kragen, Brust, Rücken, Armkacheln, Augsburger Beschau)

Literatur
Neuerwerbungen des Germanischen Museums 1921-1924, Taf. 103f. Link zur Bibliothek
Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, Jg. 1921, S. 26ff, Abb.20, 22.
Haenel, Erich: Kostbare Waffen aus der Dresdner Rüstkammer. Dresden 1923, Taf. 13b.
Freiherr von Reitzenstein, Alexander: Der Waffenschmied - Ein Handwerk der Schwertschmiede, Plattner und Büchsenmacher. In: Grote, Ludwig (Hrsg.): Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg zur Deutschen Kunst und Kulturgeschichte. Bd 23., Nürnberg 1964, Taf. IV. Link zur Bibliothek
Michael Petzet (Hrsg.): Bayern. Kunst und Kultur. Ausstellung des Freistaates Bayern und der Landeshauptstadt München. München 1972, Nr. 613. Link zur Bibliothek
Führer des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1977, Nr. 577. Link zur Bibliothek
Jahrbuch des Allerhöchsten Kaiserhauses, Bd. 8, S. 223 (8-15). Link zur Bibliothek
In Mode. Kleider und Bilder aus Renaissance und Frühbarock. Hrsg. von Jutta Zander-Seidel. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum. Nürnberg 2015, Kat. 43. Link zur Bibliothek

Sie finden das Objekt in der Dauerausstellung mit der Nummer 12: Dauerausstellung Waffen, Jagd, Gartenkultur