Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen Unterbau der Bowle sind gedrechselte Elfenbeinsäulchen vorgelagert. Die eigentliche Schale ist trompetenMehr

Silber trifft auf Elfenbein
Friedrich Adler entwarf 1910 die silberne Prunkbowle, deren Umsetzung die Nürnberger Goldschmiedewerkstatt J. C. Wich übernahm. Sie ist nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als Schaustück zu verstehen. Dem zylindrischen Unterbau der Bowle sind gedrechselte Elfenbeinsäulchen vorgelagert. Die eigentliche Schale ist trompetenförmig und zeigt stilisiertes Rankenwerk vor patiniertem Grund. Auf dem Deckel verbinden sich sphärische Dreiecke zu flachen Zeltspitzen. Der Knauf ist eine Arbeit aus durchbrochenem Elfenbein, durch deren Löcher man die vergoldete Figur eines Trinkenden erkennt. Die Elfenbein-Arbeiten stammen von Adlers Schüler und Mitarbeiter Emil Kellermann.

Tradition und Innovation
Adler und Kellermann lernten sich bei den kunstgewerblichen Meisterkursen des Bayerischen Gewerbemuseums in Nürnberg kennen. Von 1910 bis 1913 leitete Adler vier der insgesamt elf Meisterkurse, die die Qualität und aktuelle Strömungen der bayerischen Kunstindustrie fördern sollten. Aus Adlers und Kellermanns Lehrer-Schüler-Beziehung entwickelte sich eine mehrjährige Zusammenarbeit. In der Prunkbowle setzten sie sowohl traditionelle als auch innovative Impulse um. Die Durchbrucharbeit am Knauf ist dafür beispielhaft: Einerseits kann man sie auf die stilisierten Naturdarstellungen in Erich Haeckels Bildband „Kunstformen der Natur“ (1904; besonders Tafel 22), zurückführen; andererseits bekrönten durchbrochene Sphären schon in der Elfenbeinschnitzerei des 17. Jahrhunderts zahlreiche Pokale.

Erster Weltkrieg und Holocaust
Das Bayerische Gewerbemuseum kaufte die Prunkbowle gleich nach ihrer Entstehung für die Lehrsammlung an. Als das Stück 1914 für eine Ausstellung nach Lyon verliehen wurde, brach der Erste Weltkrieg aus, woraufhin Frankreich die Rücksendung der Leihgaben verweigerte. Die Prunkbowle fand ihren Weg auf den Kunstmarkt, konnte 1976 aber für das Museum zurückgekauft werden. Adler selbst war noch bis 1933 extrem erfolgreich und gefragt. Dann verhängten die Nationalsozialisten ein Arbeitsverbot über den jüdischen Kunsthandwerker und Lehrer. Letztendlich konnte nur ein Teil seiner Familie fliehen. 1942 wurde Adler im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Weniger
Titel
Silberbowle
Allgemeine Bezeichnung
Silberbowle
Inventarnummer
LGA9138
Sammlung
Gewerbemuseum
Herstellungsort
Mittelfranken; Nürnberg
Herstellungsdatum
1910
Hersteller
J. C. Wich, Nürnberg, Juwelier- und Goldschmiedewerkstatt; Entwurf: Friedrich Adler; Elfenbeinarbeiten : Emil Kellermann
Maße
H (ges) 59 cm, Dm (Mün) 42,3 cm
Material und Technik
Silber, getrieben, ziseliert, graviert, Email, Elfenbeinarbeiten von Emil Kellermann; Marken: Halbmond, Krone 800 und J.C. WICH NÜ R N B E R G
Beschreibung
Die Bowle besteht aus einem zylindrischen Unterteil, das mit Elfenbeinstäben versehen ist. Der Gefäßteil ist durchbrochen gearbeitet. Naturalistische Motive bilden den Dekor. Der Deckel ist verh.m. flach mit einem durchbrochen gearbeitetem Knauf aus Elfenbein, in dem ein Figürchen sitzt. Friedrich Adler erhielt für den Entwurf: Mark 800,--.
Literatur
Claus Pese: Jugendstil aus Nürnberg. Kunst Handwerk Industriekultur. Stuttgart 2007, S. 305. Link zur Bibliothek
Ausstellungskatalog: Spurensuche Friedrich Adler im GNM, Stuttgart 1994.
GNM Museumsführer 1994, Nr. 518.
Silvia Glaser: 150 Jahre Bayerisches Gewerbemuseum Nürnberg. Nürnberg 2019, S. 73 und Kat.Nr. 59. Link zur Bibliothek
Prunkbowle
Bowl