Titel
Schreinmadonna
Allgemeine Bezeichnung
Figur aus Lindenholz
Inventarnummer
Pl.O.2397
Sammlung
Skulptur bis 1800
Anzahl der Teile
1
Herstellungsort
Westpreußen; n.n.;
Herstellungsdatum
um 1390
Maße
H. 126 cm; B.(geschlossen) 82 cm; B.(geöffnet) 103 cm; T. 34 cm
Material und Technik
Lindenholz - massiv, Rückseite abgeflacht, originale Farbfassung und Vergoldung
Standort
Dauerausstellung Mittelalter
Beschreibung
Geschlossen: Maria sitzt aufrecht auf breitem, maßwerkverziertem Thron mit hoher Fußbank. Der bekleidete Jesusknabe steht auf dem rechten Knie der Mutter und ergreift den Zeigefinger ihrer rechten Hand. Abgesehen vom Inkarnat alles vergoldet. Auf der Vorderseite der Fußbank zwei Prophetenbrustbilder in Grisaillemalerei. Gewandfutter bei Maria blau, bei dem Kind grün. Säume mit gepunzter Ornamentik. Geöffnet: Der Körper Maria bildet eine Nische, in der Gottvater in goldenem Mantel thront, das Kreuz in Händen. Mit ausgebreiteten Armen hält Maria die Flügel, auf denen sich in drei Reihen übereinander in Malerei die Schutzsuchenden befinden. Die Gottesmutter als goldenen Schrein aufzufassen, der ein Heiligtum birgt, war dem Mittelalter ein naheliegender Gedanke. Die mystische Spekulation des 14. Jahrhunderts kombinierte diese Vorstellung mit anderen marianischen Symbolgehalten, hier mit dem Bild der Schutzmantelmadonna. Das Bildwerk kann in der Senkrechten getrennt werden. Bei der Öffnung des Schreins erscheinen auf gemalten Flügeln die geistlichen und weltlichen Stände als Schutzflehende unter dem ausgebreiteten Mantel. Das eigentliche Heiligtum, das im Innern Mariä sichtbar wird, ist der plastisch gebildete "Gnadenstuhl ": Gottvater mit dem (verlorenen ) Kruzifixus in Händen und die (ebenfalls verlorene ) Heiliggeisttaube.
Vitrinentext
Die thronende Marienfigur mit Kind, die sich wie ein Flügelaltar öffnen lässt, zeigt im Innern die plastische Darstellung der Dreifaltigkeit in Gestalt des Gnadenstuhles. Auf den Flügelinnenseiten sind die Vertreter der christlichen Stände unter dem Gewand der Jungfrau im Sinne der Schutzmantelmadonna vereint. Vermutlich entstand der Bildtyp im Ordensland Preußen. Dieses Exemplar stammt angeblich aus der Burgkapelle von Roggenhausen bei Graudenz.

Literatur
Jutta Zander-Seidel und Frank Matthias Kammel: Mittelalter. In: Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2012, (S. 39-62), S. 56. - Brückner, Wolfgang: Die Sprache christlicher Bilder (Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Bd. 12). Nürnberg 2010, S. 45-46.
Christine Muck: Les Vierges Ouvrants. In: Annales del'académie de mâcon, Cinquième série, Bd. 1, 2007, S. 288-299.
Cornell, Henrik: Spridda Studier fran uttställningens afdelning för Medeltida träskulptur. S.A. der Publikation über die Ausstellung Hernösand 1912. Stockholm, S. 69 ff.
Sarrète, J.: Vierges ouvrantes, Vierges ovrantes et la vierge ouvrante de Palau-del Vidre, Lezignan 1913.
Fries, W.:Die Schreinmadonna. In: Anzeiger des GNM 1928/29, Nürnberg 1929, S. 5--69.
Die Denkmalpflege, 1933, 4/5, Abb. 196 (Schutzmantelmadonna im Wiener Diözesanmuseum). Link zur Bibliothek
Stafski, Heinz: Die Bildwerke in Stein, Holz, Ton und Elfenbein bis um 1450 (Die mittelalterlichen Bildwerke Bd. 1). Nürnberg 1965, S. 222 ff mit Abb. Nr. 1999. Link zur Bibliothek
Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. München 1977, S. 53, Nr. 124. (Schreinmadonna, Westpreussen, Ende 14. Jahrh., Lindenholz (H. Stafski)).
Die Parler und der Schöne Stil 1350--1400. Europäische Kunst unter den Luxemburgern. Ausst.Kat. Schnütgen-Museum Köln. Hrsg. von Anton Legner. Köln 1983, S. 519. Link zur Bibliothek
800 Jahre Deutscher Orden. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum 1990. Gütersloh und München 1990, Kat. Nr. II.7.41 (Günter Bräutigam). Link zur Bibliothek
Kahsnitz, Rainer: Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg und die Provinz Preußen. In: Preußen im 19. Jahrhundert. Hrsg. von Udo Arnold (Schriftreihe Nord-Ost- Archiv, H. 24). Lüneburg 1984, S. 34--104, 74--79, Abb. 10--11.
Radler, Gudrun: Schreinmadonna. Diss. Frankfurt a.M. 1992, S. 104--115, 354--359.
Kahsnitz, Rainer. In: 800 Jahre Deutscher Orden. Ergänzungen und Korrekturen. Zusammengestellt von Irmtraud von Andrian-Werburg. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1992, S. 7--50, 24--31, Abb. 34--36 (ausführlich vor allem zu den verwandten Schreinmadonnen und ihrem Verhältnis zueinander; unsere Figur auch abg. auf dem Umschlag des Anzeigers).
Radler, Gudrun: Der Beitrag des Deutschordenstandes zur Entwicklung der Schreinmadonna (1390--1420) In: Die Kunst in den Deutschen Orden in Preussen und Livland. Hrsg. von Michael Wozniak, Thorn 1995, S. 241--274. Link zur Bibliothek
Nowinsk, Janusz: Ars Eucharistica. Warschau 2000, S. 126--127.
Kammel, Frank M.: Andachtsbild und Formenvielfalt: Skulptur. In: Mittelalter. Kunst und Kultur von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert, Nürnberg 2007, S. 277--289, S. 280--281, Abb. 251.
Hess, Daniel: Die Bidlwelt des Altars. In: Mittelalter. Kunst und Kultur von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert, Nürnberg 2007, S. 290--298, S. 295, Abb. 264.
Mittelalter. Kunst und Kultur von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Bd. 2). Nürnberg 2007, S. 280--281, 295, 425, Kat. 394, Abb. 251, 264.
Gerhard Lutz: Repräsentation und Affekt. Skulptur von 1250 bis 1430. In: Gotik. Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland, Bd. 3. Hrsg. von Bruno Klein. München 2007, S. 382. Link zur Bibliothek
Renate Kroos: "Gotes tabernackel" Zu Funktion und Interpretation von Schreinmadonnen. In: Zs. für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 43 (1986), S. 58 - 64.

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Schreinmadonna
Shrine Madonna