Beschreibung
"Der Wald / Ohne Titel (Landschaft)" zählt zu einer Reihe von ähnlichen Bildern, die Georg Baselitz Mitte der 1970er Jahre malte. Immer stehen die Motive dabei auf dem Kopf. Deshalb wirkt das Gemälde zunächst ungegenständlich, farbige Linien verteilen sich diagonal von links oben nach rechts unten auf der aus ungebundenen Farbformen organisierten Bildfläche. Das abstrahierende Moment wird verstärkt durch die in den Grundfarben Blau, Gelb und Rot gehaltenen Palette, die an die streng komponierten Gemälde Piet Mondrians (der zudem über das aus Liniengeflechten aufgebaute Baum-Motiv, das Baselitz hier übernimmt, zu seiner eigenen Spielart der Abstraktion gelangte), aber auch an die abstrakten Farbflächenstaffelungen Clyfford Stills erinnert, während die das Geäst darstellenden Linien neben Mondrian auch die Struktur von Ernst Wilhelm Nays Augenbildern adaptiert. Die „unnatürlichen“ Farben verunklären zudem die gegenständlichen Formen der Baumstämme und Äste. Die Darstellung strebt also keinen Wiedererkennungseffekt an. Ein weiteres Mal verwirrt Baselitz die Sehgewohnheiten, indem er den Waldboden (oben rechts!) in einem weiß abgemischten Kobaltblau gibt, denn das Motiv steht ja verkehrt herum. Weil der Boden blau strahlt, wird er nun reflexartig zunächst doch wieder als Himmel interpretiert, die rot-gelbe Wurzel möglicherweise als Fahne und die die blauen und ocker-gelben Flächen trennende Linie als Horizont.
Darstellungen von Wäldern und einzelnen Bäumen sind seit Ende der 1950er Jahre ein konstantes Motiv im OEuvre von Baselitz. Er bezieht sich damit auf eine lange Tradition, die den Wald als Topos nicht nur in die deutsche Kulturgeschichte einschreibt, zerstört aber gleichzeitig auch hier die heroisch-pathetische Dimension, indem er die Motive verkehrt herum wiedergibt. So nimmt Baselitz den verwendeten Vorlagen ihre vermeintlich nationalgeschichtliche oder gar persönliche Bedeutung, distanziert sich vom Motiv und stellt stattdessen die Malerei selbst in den Vordergrund. Auch Der "Wald auf dem Kopf" (1969, Museum Ludwig, Köln) – das erste Gemälde überhaupt, bei dem er das Motiv umdrehte –, zeigt eine bewaldete Landschaft. Deren Vorlage ist in Ferdinand von Rayskis "Wermsdorfer Wald" (um 1859) zu finden. Damit dekonstruiert Baselitz nicht nur die in der bildlichen Darstellung bis dahin kanonisch festgeschriebene Ansicht, dass der Himmel immer am oberen Bildrand zu sein hat, auf revolutionäre Weise. Er konterkariert mit diesem Bruch der Konventionen vielmehr den gesamten Interpretations- und Rezeptionsapparat des nach Vorlagen oder aus der Erinnerung reproduzierten Bildmotivs „Wald“ und entkleidet es seines geschichtlichen Pathos und der inhaltlichen Aufladung, gibt dem Naturmotiv somit eine neue, um 180° gedrehte Richtung. Gleiches gilt für "Der Wald", bei dem das Motiv die seiner Vorlage einstmals zugeschriebe „Bedeutung“ nicht mehr in sich trägt. Auch zeithistorische Ereignisse werden bewusst ausgeklammert, um eben ein erneutes Aufladen seiner Bilder mit (neuen) Wald-Bedeutungen zu verhindern.