Titel
Bombenopfer
Allgemeine Bezeichnung
Gemälde
Inventarnummer
Gm1933
Proviso
Leihgabe der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland
Sammlung
Kunst u. Kunsthandwerk 19.-21.Jh.
Herstellungsdatum
1982
Hersteller
Duwe, Harald (1926-1984)
Duwe, Harald; 28.01.1926 Hamburg-15.06.1984 (bei) Tremsbüttel (Maler)
Maße
H. 150 cm; B. 200 cm
Material und Technik
Öl auf Leinwand
Standort
Dauerausstellung 20. Jahrhundert
Beschreibung
In einer wüstengleichen, von Steinen, zerbrochenen Ziegeln, Kleidungsresten, einem verkohlten Baumstamm und Zweigen übersäten Ebene - Überreste menschlicher Kultur und Zeugnis zerstörter Natur - türmen sich über- und ineinander verkeilte verkrümmte Leichen von Männern, Frauen und Kindern. Gesichtslos zerschossene Leiber recken in ohnmächtiger Wut, Angst und Verzweiflung erstarrte Hände mit geballten Fäusten in dem vom Feuersturm geröteten Himmel, Fanal des Terrors. Über das Gebirge verrenkter Leiber ist ein schmutzig grau-brauner Schleier gebreitet, fahle Lichtreflexe huschen über die Körper, nur vereinzelt tritt aus den Toten schweres dunkles Blut. Die eindringliche Wirkung der Szene resultiert nicht aus der drastischen Schilderung grausamer Details, es ist vor allem die außerordentliche physische Präsenz der im Vordergrund in extremer Verrenkung hingestreckten Figur, die das beklemmende Gefühl der Aussichts- und Hilflosigkeit vermittelt. Die zweite Hauptfigur neben dem Mann im Vordergrund, der Soldat in schweren Stiefeln und tiefsitzendem Helm, der wie ein vom Sockel gestürztes Denkmal quer über das Bild hingestreckt liegt, scheint von Duwe als Personifikation des Krieges gemeint. In dem Jungen, dessen Beine über den Wanst und das Gesicht des Soldaten zu liegen gekommen sind, konzentriert sich Duwes Anklage gegen Militarismus und Krieg.
Vitrinentext
Bereits Mitte der 60er Jahre hatte sich Duwe mit den Themen Soldaten, Gefallene, Kriegsgefangene beschäftigt. Anlass für das Gemälde »Bombenopfer« war die 50. Wiederkehr der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 31. Januar 1983. »Die 'Bombenopfer' sind eine Rückbesinnung, eine Erinnerung an die Kriegszeit. Meine Erinnerungen an die Nazizeit sind für mich nicht tote Vergangenheit, sondern sehr lebendig. Wir wollen Frieden. Gerade jetzt, wo es weltweit, vor allem aber zwischen Ost und West, um Abrüstungsprobleme geht, macht mir die Erinnerung an den Krieg wieder deutlich, was auf uns zukommen kann.« Duwes Rückbesinnung auf den Terror des Krieges weist auf die politische Gegenwart der Bundesrepublik Anfang der 80er Jahre. Das innenpolitische Klima war durch die Auseinandersetzung um den von der sozial-liberalen Regierung mitinitiierten Nato-Doppelbeschluss aufgeheizt. Es hatte sich eine breite außerparlamentarische Friedensbewegung gegen die als Bedrohung des Weltfriedens empfundene Aufrüstung formiert. Die sich zuspitzenden Gegensätze zwischen den ideologischen Gegnern führten zu einem Wiederaufleben des Kalten Krieges. Vor dem Hintergrund der erneuten Ost-West-Konfrontation schien eine kriegerische Auseinandersetzung gefährlich nah zu rücken. Anfang der 80er Jahre beschäftigten Duwe auch immer wieder die mit dem Ausbau der zivilen Nutzung der Atomenergie einhergehenden gesellschaftlichen Konflikte. Mehrmals thematisierte er die Demonstrationen gegen den Bau des Atomkraftwerks Brokdorf, nachdem 1981 die Bauarbeiten nach einem vierjährigen Baustopp wieder aufgenommen wurden. Die Erinnerung an die Kriegsgräuel, die Auseinandersetzung um die Nachrüstung und Atomkraft verdichten sich bei Duwe zur kritischen Chronik deutscher Geschichte. Duwe bezog sich engagiert und parteilich auch gegen die von seiner Partei, der SPD, mit getragene Entscheidung. Künstlerisch bezeichnete er sich als »engagierter Realist«. Er war »von der höheren Verbindlichkeit des Gegenständlichen gegenüber der abstrakten Malerei« überzeugt. Allerdings war seine »zu gegenständliche Malerei« in den 50er und Anfang der 60er Jahre nicht gefragt. Im westlichen Kulturkreis war der Realismus nach dem Krieg als Kunststil totalitärer Systeme, auch als offizieller Kunststil der Ostblockstaaten verpönt. Erst 1965, 15 Jahre nachdem er sich als Maler selbständig gemacht hatte, erhielt Duwe eine erste Einzelausstellung im Marburger Kunstverein.

The canvas was painted to mark the 50th anniversary of the seizure of power by the National Socialists on January 30, 1933. However, Harald Duwe's return to the terror of the war also points to political events in the Federal Republic of Germany in the early 1980s. The political climate was tense following the heated debate over the NATO Double-Track Decision. At that time there was a widespread extra-parliamentary peace movement resisting the rearmament process that was felt to be a threat to world peace.

Literatur
Monatsanzeiger des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, Nr. 144, März 1993, S. 1155ff.
Jensen, Jens Christian: Harald Duwe 1926--1984. München 1987, S. 26, WV 575 und Abb. Taf. 127. Link zur Bibliothek
Kingsel, Harald: Die vertikale Gefahr. Luftkrieg in der Kunst. Hrsg. vom Magistrat der Stadt Kassel, Kulturamt. Marburg 1992, S. 32--33.
Mayer, Bernd. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1993, S. 384ff.
Peters, Hanna: Krieg und Nationalsozialismus im Werk Harald Duwes (Diss. Kiel 2000). Kiel 1999.
Duwe, Harald. In: AKL Online, Dok-ID: _10199172 (16.06.2011).

Sie finden das Objekt in der Dauerausstellung mit der Nummer 1: Dauerausstellung 20. Jahrhundert