Titel
Der Knabe Jupiter wird von Ziegen gesäugt
Allgemeine Bezeichnung
Gemälde
Inventarnummer
Gm443
Sammlung
Gemälde bis 1800
Anzahl der Teile
1
Hersteller
Sandrart, Joachim von, d. Ä. GND
Herstellungsdatum
um 1671/78
Herstellungsort
Süddeutschland; Augsburg oder Nürnberg
Proviso
Leihgabe Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen
Standort
Dauerausstellung Renaissance, Barock, Aufklärung
Maße
H. 156,5 cm; B. 121,5 cm
Material und Technik
Öl auf Leinwand
Darstellung
Das handschriftliche Bandinventar der Stadt Nürnberg von 1878, der Katalog des Landauerbrüderhauses und die Museumskataloge von 1882 bis 1909 beschreiben das Bildthema als "Die Erziehung des Bacchus, um ihn sind Merkur, die Tochter des Atlas und Faunen". Georg Jacob Lang (1711) sowie Christoph Gottlieb von Murr (1778, 1790 und 1801) und der Museumskatalog von 1934 betiteln mit "Erziehung des Jupiter", dem Tacke - was die Identifizierung der Hauptfigur angeht - mit dem Bildtitel folgt. Christian Klemm (Zürich) machte Tacke darauf aufmerksam, dass der bisherige Bildtitel ("Erziehung des Jupiter") "eigentlich die Sache nicht ganz trifft" und dass man sich an den "Poussinisten, z.B. in Berlin" orientieren könnte (Brief an Tacke vom 19. 1. 1993). Dort wird das themengleiche Bild von Nicolas Poussin (1594-1665) mal mit "Jupiters Kindheit" oder mit "Der Knabe Jupiter wird gesäugt" betitelt (Inv.Nr. 467); letzterer Bildtitel wurde übernommen, da er die Szene am genauesten benennt. --- Die oben erwähnte Bacchus-Ikonographie folgt genauso wie die Geschichte der Erziehung des Jupiter Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. - 17 n. Chr.): Die Erzählung, dass Merkur das Kind Bacchus, ein Sohn des Jupiter und der Semele, zu den Nymphen des Gebirges Nysa gebracht habe, wo es mit Milch aufgezogen worden sei, findet sich in den Metamorphosen (III, 310-315) - den Verwandlungsgeschichten -, während sich die Geschichte mit Jupiter, der von den Nymphen des Gebirges Ida gepflegt und von der Ziege Amalthea und von Honig genährt wird, in den Fasti (V, 111-124), einer dichterischen Bearbeitung des römischen Festkalenders, findet. Rhea hatte ihren Sohn Jupiter (Zeus) den kretischen Nymphen anvertraut, um ihn vor ihrem Gatten, dem seine Kinder verschlingenden Saturn (Kronos), zu schützen.
Zustandsbeschreibung
siehe Andreas Tacke: Die Gemälde des 17. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum. Bestandskatalog. Mainz 1995, S. 217.
Beziehung zu anderen Objekten
; Klemm meint, dass Gm 443 als Gegenstück zu einem Bild mit dem Thema "Idyll mit zum Tanz aufspielendem Silen" (Klemm 1986, S. 294) von Sandrart zu sehen ist, das sich 1679 ebenfalls in der Nürnberger Kunstkammer des Künstlers befand. Der Künstler könnte, so schon Catherine Krahmer (1966) in ihrer nicht publizierten Dissertation, die beiden Themen ähnlich dem Blatt E (vgl. Tacke 1995, Abb. 160) seiner "Iconologia Deorum" von 1680 angelegt haben (Joachim von Sandrart: Iconologia Deorum, Oder Abbildung der Götter / Welche von den Alten verehrt worden (...). Nürnberg 1680, Platte E; vgl. die Erklärung Sandrarts auf S. 47-62 ("Von dem Jupiter")).; Klemm (1986, S. 294): "Stilistisch gehört das Gemälde in Sandrarts Spätzeit, die Gestaltung der Falten legt eine Entstehung zwischen dem Hochaltar der Wiener Schottenkirche (1671) und der "Heiligen Familie" für Lambach (1678) nahe. Im Aufbau der Gruppe überwiegen bei näherem Zuschauen bereits die bildparallelen Elemente; besonders die beiden Figuren ganz rechts deuten auf die klassizistische Note der Alterswerke. Insgesamt dominieren aber durchaus noch die Erinnerungen an Tizian [1488/90-1576] mit den leuchtend reinen blauen und roten Lokalfarben - wie in dessen Spätwerken schimmern pastoses Orange und Gelb auf dem silbergrauen Metall - und der ein letztes Mal an der Pala des "Petrus Martyr" orientierten Landschaft. Die Ferne erscheint in satter bläulicher Dunstigkeit, die von der zügigen Landschaft früherer Bilder ebenso abweicht wie die fette, dichte Malsubstanz. Möglicherweise ist Sandrart hierin von den jüngeren in Augsburg wirkenden Malter, etwa Spillenberger [1628-1679], berührt". Das von Klemm genannte Bild "Petrus Martyr", welches von Tizian um 1528-1530 für S. Giovanni e Paolo in Venedig geschaffen wurde und dort 1867 verbrannte (?), diente in der Tat für die bei Sandrart in der rechten Bildhälfte wiedergegebene Baumgruppe als Vorbild. Das Tizian-Bild wurde von Martino Rota (um 1520-1583) gestochen (Bartsch 20) und wäre so, abgesehen von eventuellen eigenen Aufzeichnungen Sandrarts, vom Maler auch in späteren Jahren für seine Komposition verfügbar gewesen.;
Beschreibung
Das Bild wurde durch sein Figurenprogramm als "Erziehung des Jupiter" wie auch als "Erziehung des Bacchus" gedeutet. Tacke zitiert Sandrarts eigene Beschreibung des Bildes von 1679 als gesicherte Nennung des Bildthemas vom Künstler selbst: Von Sandrart [...] eine Tafel, da in einem grossen Wald mit schönen Bäumen Mercurius den Nymphen von Amalthea den jungen Jupiter heimlich zu erziehen überantwortet, denselben mit Geismilch und wilden Honig zu ernähren samt andern anmuthigen Bildern in einer grossen Landschafft" (Sandrart/Peltzer 1925, S. 330). Zu Sandrarts Titelbenennung passen die Geiß, die Honigwaben, die Nymphe und die Gebirgslandschaft. Jedoch gehören Merkur, der flötenspielende Silen und die beiden Satyrn zur Bacchus-Ikonographie. Trotz des antiken Themas sind Blockflöten der Sandrart-Zeit dargestellt; diese "Modernisierung" war damals üblich. Die Doppelung der Blockflöte allerdings spielt auf den antiken Doppelaulos an. Die rechte Vordergrundszene zeigt die eigentliche Handlung auf Gm 443: Der Knabe Jupiter wird von der Ziege Amalthea gesäugt, während die Nymphe Io Honig, deutlich sind auf dem Teller die Waben auszumachen, reicht.
Vitrinentext
Sandrart war nicht nur Maler, sondern auch ein bedeutender Kunsttheoretiker. Nach seiner eigenen Beschreibung zeigt das Gemälde die Erziehung Jupiters durch Nymphen im Gebirge. Der Knabe wird mit Ziegenmilch und wildem Honig ernährt. Er musste vor seinem Vater Saturn versteckt werden, da dieser ihn verschlingen wollte. Die Darstellung geht auf die Metamorphosen und die Fasti des römischen Dichters Ovid zurück. Das Bild befand sich in der Kunstkammer Sandrarts, bis er es der Stadt Nürnberg vermachte.
The Infant Jupiter Being Suckled. Oil on canvas. Sandrart was not only a painter, but also an important art theoretician. According to his own description the painting shows the nymphs raising Jupiter in the mountains. The boy is fed on goat's milk and wild honey. He had to be hidden from his father, Saturn, who wanted to devour him. The depiction is based on the Metamorphoses and the Fasti by the Roman poet Ovid. The painting was in Sandrart's own art cabinet until he bequeathed it to the city of Nuremberg.
The Infant Jupiter Being Suckled. Oil on canvas. Sandrart was not only a painter, but also an important art theoretician. According to his own description the painting shows the nymphs raising Jupiter in the mountains. The boy is fed on goat's milk and wild honey. He had to be hidden from his father, Saturn, who wanted to devour him. The depiction is based on the Metamorphoses and the Fasti by the Roman poet Ovid. The painting was in Sandrart's own art cabinet until he bequeathed it to the city of Nuremberg.
Literatur
Joachim von Sandrarts Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste von 1675. Leben der berühmten Maler, Bildhauer und Baumeister (Teil I.). (Teil 2: Aus dem zweiten Hauptteil der Teutschen Academie von 1679). Hrsg. und kommentiert von A. R. Peltzer. Teil 1. München 1925, S. 330. Link zur Bibliothek
(Manuskript) Georg Jacob Lang: Ausführliche Beschreibung / Aller auf dem Rath=Hauß in den obern / schönen Zimmern befindlicher großer und / kleiner Gemählden (...) / beschrieben / von / Georg Jacob Lang / Anno 1711 (Stadtbibliothek Nürnberg: 2° Will I Nr. 1035, ohne Blattzählung).
Murr, Christoph Gottlieb von: eschreibung der vornehmsten Merkwürdigkeiten in der H. R. Reichs freyen Stadt Nürnberg (...). Nürnberg 1778, S. 409 (im Rathaus). Link zur Bibliothek
Murr, Christoph Gottlieb von: Beschreibung des Nürnbergischen Rathauses. O.O. 1790, S. 33, Nr. 9. Link zur Bibliothek
BStGS Zweibrücker Nachtragsinventar 1800--1822, Nr. 2653 ("Bacchus"; "aus dem Rathaus in Nürnberg").
Murr, Christoph Gottlieb von: Beschreibung der vornehmsten Merkwürdigkeiten der Reichstadt Nürnberg (...). 2. Aufl. Nürnberg 1801, S. 374, Nr. 29. Link zur Bibliothek
(Manuskript) Gemäldegalerie zu Nürnberg, (vor 1822), (Bibliothek der Akademie der bildenden Künste Nürnberg: o. Sig.), Nr. 639 = 86 (Bacchus). Link zur Bibliothek
St.N. Bandinventar 1878, S. 662--663.
Katalog des Landauerbrüderhauses.
Essenwein, August von: Katalog der im germanischen Museum befindlichen Gemälde. Nürnberg 1882, Nr. 342 (Joachim von Sandrart, Die Erziehung des Bacchus). Link zur Bibliothek
Essenwein, August von: Katalog der im germanischen Museum befindlichen Gemälde. Nürnberg 1885, Nr. 296 (Joachim von Sandrart, Die Erziehung des Bacchus). Link zur Bibliothek
Essenwein, August von: Katalog der im germanischen Museum befindlichen Gemälde. 3. Auflage. Nürnberg 1893, S. 363 (Joachim von Sandrart, die Erziehung des Bacchus). Link zur Bibliothek
Braune, Heinz: Katalog der Gemäldesammlung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Nürnberg 1909, Nr. 443 (Joachim von Sandrart, Die Erziehung des Bacchus). Link zur Bibliothek
Katalog der Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg. Bearbeitet von Eberhard Lutze. Nürnberg 1934, S. 60--61 (Joachim von Sandrart; eine Rötelzeichnung mit zwei satyrn in Braunschweig [...] vom Jahre 1683 dürfte im Zusammenhang mit dem Bild entstanden sein). Link zur Bibliothek
Krahmer, Catherine: Joachim von Sandrart. Peintre et Historien d'art du dix-septième siècle. Thèse de Troisième Cycle. Phil. Diss. masch. Paris (Sorbonne) 1966. S. 247--248, S. 304, Nr. 99 (l'éducation de Jupiter). (Bibliographisch nachweisbar, auch durch den Eintrag im Katalog der Bibliothèque de l'Université de Paris Sorbonne, ist die Arbeit unter Krammer. Das Titelblatt der mschr. Dissertation gibt die richtige Schreibweise "Krahmer" an.)
Klemm, Christian: Joachim von Sandrart. Kunstwerke und Lebenslauf. Berlin 1986, S. 23, S. 292--294, Nr. 140, Abb. S. 293. Link zur Bibliothek
Tacke, Andreas: Die Gemälde des 17. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum. Bestandskatalog. Mainz 1995, Nr. 106, S. 217--219 mit Abb. und mit weiterer, älterer Literatur. Link zur Bibliothek
Renaissance. Barock. Aufklärung. Kunst und Kultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hrsg. von Daniel Hess und Dagmar Hirschfelder. (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Band 3) Nürnberg 2010, S. 228--229, 451, Abb. 192. Link zur Bibliothek
Esther Meier: Joachim von Sandrart. Ein Calvinist im Spannungsfeld von Kunst und Konfession. Regensburg 2012, S. 147-151.
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