Ein neuer Klang
Das Instrumentarium des klassischen Orchesters, wie wir es heute aus den Konzertsälen der westlichen Welt kennen, war zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch nicht abgeschlossen. Einige Instrumente waren noch gar nicht erfunden, darunter die Klarinette. Ihr Ursprung liegt in der Zeit um 1700 und wurde vom sogenannten Chalumeau angeregt. DasMehr

Ein neuer Klang
Das Instrumentarium des klassischen Orchesters, wie wir es heute aus den Konzertsälen der westlichen Welt kennen, war zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch nicht abgeschlossen. Einige Instrumente waren noch gar nicht erfunden, darunter die Klarinette. Ihr Ursprung liegt in der Zeit um 1700 und wurde vom sogenannten Chalumeau angeregt. Das ist ein einfaches Holzrohr mit zylindrischer Innenbohrung, sechs Grifflöchern vorn und einem weiteren für den Daumen hinten. Frühe Typen sind ohne Klappen, seit dem 18. Jahrhundert finden sich häufig zwei, später eine weitere zum Überblasen. Entscheidend ist das schnabelartige Mundstück. Dieses ähnelt zwar einer Blockflöte, doch wird beim Chalumeau ein einzelnes Rohrblatt mit einer Schnur darauf befestigt, was beim Anblasen für den charakteristischen Klang sorgt.

Innovation aus Nürnberg

Der Holzblasinstrumentenbau ist in Nürnberg seit dem frühen 16. Jahrhundert nachweisbar. Die berühmteste Familie des Nürnberger Holzblasinstrumentenbaus waren die Denner. Johann Christoph Denner entwickelte das Chalumeau in mehreren Lagen (Diskant, Alt, Tenor, Bass). Damit war der Schritt zur Erfindung der Klarinette in seiner Werkstatt nicht mehr weit. Wie an der Klarinette seines Sohnes Jakob aus der Zeit um 1720 zu sehen ist, entstand die Klarinette aus der Kombination einer Blockflöte mit sieben Grifflöchern und der Innenbohrung eines Chalumeaus. Die beiden Klappen ordnete Denner so an, dass nun ein „sauberes“ Überblasen möglich war. So stand ein zweites und höheres Tonregister zur Verfügung.

Clarinetto
Ihren Namen verdankt die Klarinette einer gewissen klanglichen Verwandtschaft zur Trompete. Diese hatte im 18. Jahrhundert noch keine Ventile, weshalb man in tieferen Lagen alleine mit der Lippenspannung nur wenige Töne darauf spielen konnte. Erst in der höheren, der sogenannten Clarin-Lage, war es einem geübten Bläser möglich, durchgehende Tonleitern zu spielen. Genau dieselbe Tonlage ist es, die durch einfaches Überblasen auf der Klarinette nun möglich war. Ihre Bezeichnung „Clarinetto“ für „kleine (hohe) Trompete“ verdankt sie wahrscheinlich dem trompetenähnlichen Klang in der Clarin-Lage. Der weiche und warme Klang der tiefen Töne, die noch immer als Chalumeauregister bezeichnet werden, verschaffte der Klarinette seit der Verwendung durch Wolfgang Amadeus Mozart einen festen Platz im Orchester. Die weitere Entwicklung von Instrument und dem klanglichen und spielerischen Anspruch durch zeitgenössische Komponisten bedingten sich gegenseitig. Im 19. Jahrhundert führte das schließlich zu der Klarinette, wie wir sie heute kennen.

 

Weniger
Allgemeine Bezeichnung
Klarinette in D, 2 Klappen
Inventarnummer
MI149
Sammlung
Musikinstrumente
Herstellungsort
Nürnberg / Deutschland
Herstellungsdatum
um 1720
Hersteller
Denner, Jacob (Hersteller)
Maße
Gesamtlänge ohne Mittelstück:542 mm
Birne (Gesamtlänge):99,5 mm
Mittelstück (Gesamtlänge):247 mm
Fußstück (Gesamtlänge):195,5 mm
Klassifikation
Klarinette
clarinet
422.211.2
Einzelklarinetten mit zylindrischer Röhre Mit Grifflöchern
Einzelklarinetten Mit zylindrischer Röhre
Einzelklarinetten
Klarinetten Einfachrohrblatt-Aerophone
Schalmeien Rohrblattaerophone
(Eigentliche) Blasinstrumente
Aerophone
Material und Technik
Korpus: Buchsbaum; Blatt: Rohrholz; Klappenteile und Überblasröhrchen: Messing
Beschreibung
3-teilig; 2 Klappen in Wulstlagerung: h1, Überblasklappe, werden beide Klappen gemeinsam betätigt: c2. Weitere Beschreibung siehe Lit.
Vermerk am Objekt
I.DENNER [im geschweiften Wimpelband mit eingerollten Enden] // I. [stilisierter Tannenbaum] D. (Herstellersignatur, Oberstück oberhalb des oberen Klappenlagerrings, Brandstempel)

I.DENNER [im geschweiften Wimpelband mit eingerollten Enden] // I. [stilisierter Tannenbaum] D. (Herstellersignatur, Fußstück unterhalb des Wulstes gegenüber von Tonloch 8, Brandstempel)

Literatur
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