Ans Tageslicht geholt
Die Tannenberg-Büchse ist die älteste sicher datierbare Handfeuerwaffe Europas. Benannt wurde sie nach ihrem Fundort, der 1399 zerstörten Burg Tannenberg in Hessen. 1849 fand man sie dort während einer der ersten mittelalterarchäologischen Ausgrabungen in Deutschland. Sie lag in der Zisterne, die durch die Zerstörung Mehr

Ans Tageslicht geholt
Die Tannenberg-Büchse ist die älteste sicher datierbare Handfeuerwaffe Europas. Benannt wurde sie nach ihrem Fundort, der 1399 zerstörten Burg Tannenberg in Hessen. 1849 fand man sie dort während einer der ersten mittelalterarchäologischen Ausgrabungen in Deutschland. Sie lag in der Zisterne, die durch die Zerstörung der Burg verschüttet worden war. Dass die Anlage – ebenfalls durch Feuerwaffen – Ende des 14. Jahrhunderts vollständig in Schutt und Asche gelegt und nicht wiederaufgebaut wurde, erwies sich als Glücksfall für die Archäologen. Denn dadurch konnte die Büchse mit Sicherheit auf eine Zeit vor 1399 datiert werden.

Zerstörerische Kraft
Handbüchsen gehören zu den frühesten Feuerwaffen. Sie wurden parallel zu den schwereren Feuergeschützen der Artillerie seit den 1360er Jahren entwickelt. Anders als Kanonen waren sie viel mobiler und konnten von einem oder zwei Männern herumgetragen und abgefeuert werden. Sie bestanden aus einem Metallrohr, das zur besseren Handhabung auf einen langen Holzstock montiert war. Geschossen wurde mit Schwarzpulver und Munition aus Bleikugeln, die von vorne in das Rohr geladen wurden. Durch das seitliche Zündloch brachte eine glühende Lunte das Schwarzpulver zur Explosion, die Kugel wurde „abgefeuert“.
Diese frühen Feuerwaffen bargen für ihre Schützen auch Risiken. Es fehlten Erfahrungen im Umgang mit Pulver und Munition, aber auch Spezialisten zur Herstellung der Waffen. Der Beruf des Büchsenmachers entwickelte sich erst im Laufe des 14. Jahrhunderts. Untersuchungen der Tannenberg-Büchse zeigten, wie porös das Rohr aus gegossener Bronze ist. Möglicherweise wäre es beim Zünden explodiert, was offenbar mit einer ähnlichen Waffe passiert ist, deren Fragmente man in unmittelbarer Nähe gefunden hat. Die Tannenberg-Büchse wurde dagegen nicht abgefeuert. Als man sie fand, steckte in ihrem Lauf noch die Kugel.

Eine neue Art der Kriegführung
Feuerwaffen veränderten die Kriegführung gegen Ende des 14. Jahrhunderts grundlegend. Ermöglicht wurde die neue Waffentechnologie durch die Erfindung des Schwarzpulvers in China. Obwohl die ersten Handfeuerwaffen bereits eine beachtliche Reichweite hatten, schossen sie nur sehr ungenau. Auch in der Schussfrequenz waren sie den damals üblichen Handbögen und Armbrüsten unterlegen. Dennoch setzten sie sich immer mehr durch. Man konnte sie kostengünstig und in großen Mengen herstellen, und es brauchte im Unterschied zu anderen Fernwaffen keine lange Ausbildung, um sie zu bedienen.
 

Weniger
Titel
Tannenberg-Büchse
Allgemeine Bezeichnung
Büchse, Handbüchse, Stangenbüchse
Inventarnummer
W2034
Sammlung
Wissenschftl. Instr.-Waffen-Pharmazie
Herstellungsdatum
vor 1399
Hersteller
unbekannt
Maße
L. 32 cm. Kaliber 15,16 mm, Gewicht: 1235 g
Material und Technik
Bronze - gegossen, gefeilt.
Beschreibung
Die gegossene rohrartige Büchse ist durchweg 8-kantig. Das Zündloch erweitert sich nach oben und endet in einer flach eingeschlagenen, muldenartigen Vertiefung. Die Bohrung der Schafttülle greift noch etwas in den verstärkten mittleren Teil ein und schließt halbrund ab. Die Büchse wurde 1849 bei Ausgrabungen der Zisterne der 1399 zerstörten Burg Tannenberg (Odenwald) aufgefunden. Laut Fundbericht von 1850 befanden sich zum Ausgrabungszeitpunkt in der rückseitigen Tülle noch Reste eines Holzstockes als ursprünglichem Schaft sowie Reste von Geschoss und Pulverladung in der Kammer. Die Tannenberg-Büchse darf gegenwärtig als älteste erhaltene und noch in das 14. Jahrhundert datierbare Feurwaffe der Welt gelten.
Vitrinentext
Die Tannenbergbüchse ist die älteste erhaltene und sicher datierbare Feuerwaffe der Welt. Sie wurde 1849 bei archäologischen Grabungen in der Zisterne von Burg Tannenberg in Südhessen gefunden. Nach ihrer Zerstörung im Jahr 1399 wurde die Burg nie wieder aufgebaut. Die Büchse muss also davor entstanden sein. In der Pulverkammer befanden sich ursprünglich noch Teile der Ladung. Eine in der Festung Otepää/Estland bei Ausgrabungen gefundene Handbüchse lief der Tannenbergbüchse eine Zeitlang den Rang als älteste Feuerwaffe ab. Otepää galt zunächst als 1396 zerstört, diese Datierung ist inzwischen nicht mehr haltbar. Die Tannenbergbüchse hat somit ihren angestammten Platz wieder inne.

The Tannenberg handgonne is the world’s oldest surviving firearm that can be dated with certainty. It was discovered in 1849 during archaeological digs in the cistern of Burg Tannenberg in southern Hesse. The castle was destroyed in 1399 and never rebuilt. Hence the gonne must predate 1399. On being discovered, the object’s flash pan still contained traces of gunpowder. A handgonne later found during digs at Otepää Castle in Estonia was for a while thought to be even older than the Tannenberg gonne. Back then, it was believed that Otepää Castle had been destroyed in 1396. However, this view has since been discredited and the Tannenburg handgonne has reclaimed its former title.

Literatur
Die Burg Tannenberg und ihre Ausgrabungen. Bearb. v. Josef von Hefner und Johann Wilhelm Wolf. Frankfurt a.M. 1850, zur Büchse S. 88-89, Taf. VII.
Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen. Hrsg. vom Germanischen Museum. Bearb. v. August von Essenwein. Leipzig 1877, S. 109, Taf. B1a und B1b.
Ernst Röder: Aus der Waffensammlung des Germanischen Nationalmuseums. I. Die Tannenberger Büchse. In: Zeitschrift für historische Waffenkunde 3, 1902-1905, H. 4, S. 97-102.
Astritt Schmitt: Burg Tannenberg bei Seeheim-Jugenheim, Lkr. Darmstadt-Dieburg. Eine spätmittelalterliche Ganerbenburg im Licht der archäologischen Funde. Bonn 2008, S. 160-161, Nr. II.8.3.
Wilfried E. Tittmann: Die Nürnberger Handfeuerwaffen vom Spätmittelalter bis zum Frühbarock. Der Beitrag Nürnbergs zur Militärischen Revolution der frühen Neuzeit. 2 Bde., Graz 2018, Bd., 2, S. 725. Link zur Bibliothek