Titel
Amors Abschied von Psyche
Allgemeine Bezeichnung
Gemälde
Inventarnummer
Gm1118
Sammlung
Gemälde bis 1800
Anzahl der Teile
1
Hersteller
Heintz, Joseph d. Ä. (1564-1609)
Herstellungsdatum
kurz nach 1603
Herstellungsort
Prag
Standort
Dauerausstellung Renaissance, Barock, Aufklärung
Maße
H. 177,5 cm; B. 111,4 cm
Material und Technik
Öl auf Leinwand
Darstellung
Das früher unter "Venus und Cupido" bzw. "Venus und Amor" geführte Bild wurde von Bruno Bushart (1967) als "Amors Abschied von Psyche" gedeutet, eine Szene aus Apuleius' "Der Goldene Esel" (Asinus aureus). Der Dichter Lucius Apuleius (2. Jh. n. Chr.) erzählt in seinem komischen Roman in elf Büchern, wie er, durch ein Mssgeschick in einen Esel verwandelt, sich auf abenteuerliche Irrfahrten begab. Um dieses Geschehen grupppiert sich - teils als Vor- oder Folgegeschichten der Haupthandlung, teils ohne Zusammenhang mit ihr - eine Sammlung von Novellen und Märchen über Untreue, Ehebruch und Eifersucht, über Zauberei, Mord und Verbrechen. Die berühmteste und ausführlichste dieser Erzählungen ist die von "Amor und Psyche", aus der eine Szene auf Gm 1118, der Abschied Amors, dargestellt ist (s. auch Ovid, Metamorphosen V, 234 ff.): Obwohl die wunderschöne Psyche weiß, dass sie mit ihrem Liebhaber Amor nur so lange zusammensein kann, wie sie auf seinen Anblick verzichtet, entzündet sie am nächtlichen Lager das Licht (dazu vgl. ein anderes Gemälde von Heintz). Dabei weckt sie ihn durch eine Ungeschicklichkeit; Amor bestraft Psyche durch sein Fortgehen. Erst nach unzähligen Prüfungen und Leiden kann sie mit dem Liebesgott wieder zusammenkommen..
Zustandsbeschreibung
siehe Andreas Tacke: Die Gemälde des 17. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum. Bestandskatalog. Mainz 1995, S. 103.
Beziehung zu anderen Objekten
; "Der Rückenakt der Psyche gehört", nach Zimmer, "zu den am weitesten verbreiteten topoi bis ins 18. Jahrhundert. Wahrscheinlich auf ein antikes Werk zurückgehend, wurde er hier offenbar von einer der Hauptfiguren Raffaels Hochzeit Amors mit Psyche in der Farnesina von 1516-17 angeregt, denn Heintz hatte bereits um die Mitte der achtziger Jahre eine Geniengruppe auf Raffaels Gemälde gezeichnet (Wien, Albertina Inv.Nr. 238). [...] Es würde hier zu weit führen, die von Raffael über Tizian, Tintoretto, Annibale Carracci, Spranger, Cornelis van Haarlem bis hin zu Norbert Grund und Franz Sigrist reichende Kette von Wiederholungen und Umbildungen des Rückenaktes der Psyche aufzuzählen, von der die Heintzsche Konfiguration ein Glied bildet; allerdings ein wesentliches, denn er hat das Motiv nicht an untergeordneter Stelle oder beiläufig verwendet, sondern zum tragenden Element seiner Komposition gemacht, zum eigentlichen Bildgegenstand" (J. Zimmer, 1971, S. 91 und Anm. 161).; Nach Zimmer könnten die beiden Eroten im Vordergrund von denen auf Parmigianinos (1503-1540) "Bogenschnitzer" (Kunsthistorisches Museum Wien, Inv.Nr. 175) abhängig sein. Das Parmigianino-Bild kam 1603 nach Prag in die Kunstsammlung Kaiser Rudolfs II. (1552, Kaiser 1576-1612) - wo es von Heintz kopiert wurde (Kunsthistorisches Museum Wien, Inv.Nr. 1588, und eine zweite Kopie in der Alten Pinakothek München, Inv.Nr. 3535; zu beiden Kopien s. Zimmer,1971, S. 125 f., Kat. Nr. A 42.1 mit Abb. 87 und Kat. Nr. A 42.2 mit Abb. 88, sowie als dritte (?) Kopie Kat. Nr. A 42.3).; Neben Gm 1118 ist noch eine weitere Darstellung nach Apuleius von der Hand Heintz' d. Ä. bekannt: "Amor und Psyche" (Öl auf Kupfer, 24,5 x 18,8 cm), die aus Münchner Privatbesitz von den Städtischen Kunstsammlungen Augsburg (Deutsche Barockgalerie, Inv.Nr. 12336) erworben wurde und gegen 1605/06 datiert wird (s. Zimmer 1971, S. 90, Kat. Nr. A 12, Farbabb. II, Abb. 37). Auf dem Augsburger Bild entzündet Psyche über ihrem schlafenden Geliebten Amor ein Licht, um den bis dahin noch nicht angeschauten zu betrachten.;
Weiterführende Links
Beschreibung
Die Geschichte von Amor und Psyche erfreute sich am Prager Hof als Sinnbild einer vollendeten, in der Unsterblichkeit gipfelnden Liebe besonderer Beliebtheit. In seinem ambitionierten, großformatigen Gemälde wählte der Prager Hofmaler Joseph Heintz jedoch keine jener seit Raffael gerne dargestellten glücksvollen Episoden wie die Himmelfahrt oder Vermählung von Psyche, sondern den dramatisch aufgeladenen Moment des ersten Erkennens des wahren Geliebten und seines damit verbundenen schmerzvollen Verlusts. Der schönen Königstochter wurde die Neugierde zum Verhängnis, doch endlich ihrem nächtlichen Liebhaber in die Augen zu blicken, dessen Liebe sie sich nachts erfreute, ohne ihn sehen und erkennen zu dürfen. Sie entzündete eine Öllampe und erblickte Amor, den sie durch einen Tropfen heißes Öl jedoch weckte. Amor entfloh zur Strafe, und Psyche konnte erst nach vielen leidvollen Prüfungen wieder mit ihm zusammenkommen. Heintz zeigt den dramatischen Höhepunkt der nächtlichen Szene, als Amor im flackernd unruhigen Zwielicht der von Psyche entzündeten Öllampe entflieht. Psyche präsentiert sich dem Betrachter in kompliziert verdrehter Pose als Rückenakt auf ihrem nächtlichen Lager. Die Begegnung der beiden Liebenden wird durch das Spiel der beiden Eroten im Vordergrund und den beiden schnäbelnden Tauben zwischen ihren Beinen variiert. Einer der beiden Eroten blickt verschmitzt zum Betrachter und bezieht ihn in das Bildgeschehen ein. Dieses Spiel auf verschiedenen Ebenen verleiht dem Gemälde neben den anspruchsvollen Posen der nackten Körper, der ausgeklügelten Beleuchtung und dem artifiziellen Effekt des perlmuttfarbenen Schimmers von Psyches weißer Haut besondere Sinnlichkeit und Raffinesse. Darüber hinaus bot das komplex arrangierte Gemälde dem gelehrten Kenner einen weiteren Genuss, indem es auf damals bekannte Kunstwerke zurückgriff. So zitierte Joseph Heintz mit dem Rückenakt antike Vorbilder beziehungsweise Raffaels Ausmalung der Loggia di Psiche in der Villa Farnesina in Rom mit vergleichbar dynamisch verdrehten Rückenakten. Auch bei der Darstellung der beiden Eroten im Vordergrund handelt es sich um ein offenbar bewusstes, auf Wiedererkennung zielendes Zitat eines Vorbilds, nämlich Parmigianinos Bild des bogenschnitzenden Amor, das sich seit 1603 im Besitz Rudolfs II. befand. In der raffiniert dramatischen und sinnlichen Inszenierung eines der attraktivsten Stoffe der Antike ist das Gemälde von Joseph Heintz ein herausragendes Beispiel für die Malerei des Prager Manierismus.
Vitrinentext
Das Bild zeigt den Moment als Psyche versucht, den fliehenden Amor aufzuhalten. Dieser war unter der Bedingung, dass sie auf seinen Anblick verzichtet, jede Nacht bei ihr erschienen. Aus Neugier hatte sie jedoch eine Lampe entzündet. Die Szene ist mit raffinierten Licht- und Schatteneffekten gestaltet. Der Rückenakt ist perlmuttfarben-schimmernd stilisiert. Auch die komplizierten Körperhaltungen unterstreichen die gesuchte Künstlichkeit. Das Motiv wird von den Eroten und schnäbelnden Tauben im Vordergrund variiert.
Cupid's Farewell from Psyche. Oil on canvas. The picture shows the moment when Psyche attempts to prevent Cupid from fleeing. The latter had come to her bedside every night on condition that she did not look at him. Out of curiosity she lit a lamp. The scene is composed with subtle light and shadow effects. The stylized nude back shimmers like lustrous mother-of-pearl. The complicated poses also underscore the intentional artificiality. Variations on the love motif are seen in the small cupids and in the affectionate billing and cooing of the doves in the foreground.
Cupid's Farewell from Psyche. Oil on canvas. The picture shows the moment when Psyche attempts to prevent Cupid from fleeing. The latter had come to her bedside every night on condition that she did not look at him. Out of curiosity she lit a lamp. The scene is composed with subtle light and shadow effects. The stylized nude back shimmers like lustrous mother-of-pearl. The complicated poses also underscore the intentional artificiality. Variations on the love motif are seen in the small cupids and in the affectionate billing and cooing of the doves in the foreground.
Literatur
Bushart, Bruno: Deutsche Malerei des Barock. Königstein i. T. 1967, Abb. S. 11. Link zur Bibliothek
Zimmer, Jürgen: Joseph Heintz der Ältere als Maler. Weißenhorn 1971, S. 54, S. 90--91, Kat. Nr. A 13 (vermutlich in Prag für Rudolf II. gemalt), Abb. 35. Link zur Bibliothek
Brachert, Thomas: Patina. Vom Nutzen und Nachteil der Restaurierung. München 1985, S. 100 mit Abb. 25. Link zur Bibliothek
Kaufmann, Thomas DaCosta: L'école de Prague. La peinture à la cour de Rodolphe II. Paris 1985, Nr. 7.44, S. 238.
Kaufmann, Thomas DaCosta: The school of Prague. Painting at the court of Rudolf II. Chicago-London 1988, Nr. 7.44, S. 196--197. Link zur Bibliothek
Regards sur Amour & Psyché à l'âge néo-classique. Ausst. Kat. Musée de Carouge/Kunsthaus Zürich. Bearb. von Peter Lang. Zürich 1994, Nr. 1, S. 24-29 Link zur Bibliothek
Tacke, Andreas: Die Gemälde des 17. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum. Bestandskatalog. Mainz 1995, S. 103--105, Nr. 46 mit Abb. und weiterer, älterer Literatur. Link zur Bibliothek
Rudolf II. and Prague. The court and the city. Ausst. Hradschin Prag. Hrsg. von Eliska Fucíková. London 1997, Nr. I.40.
Faszination Meisterwerk. Dürer, Rembrandt, Riemenschneider. Ausst.Kat. des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Nürnberg 2004, S. 156--158. Link zur Bibliothek
Renaissance. Barock. Aufklärung. Kunst und Kultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hrsg. von Daniel Hess und Dagmar Hirschfelder. (Die Schausammlungen des Germanischen Nationalmuseums, Band 3) Nürnberg 2010, S. 274, 276, 450, Abb. 238. Link zur Bibliothek
Maria Grazia Bernardini (Hrsg.): The Tale of Cupid and Psyche. Myth in Art from Antiquity to Canova. Ausst. Kat., Rom, Museo Nazionale di Castel Sant'Angelo. Rom 2012, Nr. 48, S. 242-243 (Daniel Hess) Link zur Bibliothek