Vom Machen der Schachteln
Unter Schachteln verstand man bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ausschließlich solche massenweise produzierten Behältnisse aus Holzspänen. Hergestellt wurden sie in Regionen mit reichem Nadelbaumbestand wie dem Thüringer Wald, Böhmen und Oberbayern, wo Berchtesgaden ein Zentrum des Schachtelmacherhandwerks war.
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Vom Machen der Schachteln
Unter Schachteln verstand man bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ausschließlich solche massenweise produzierten Behältnisse aus Holzspänen. Hergestellt wurden sie in Regionen mit reichem Nadelbaumbestand wie dem Thüringer Wald, Böhmen und Oberbayern, wo Berchtesgaden ein Zentrum des Schachtelmacherhandwerks war.

Ein schmales, dünnes Holzbrett wurde zunächst lange in Wasser eingeweicht. Der Span ließ sich danach biegen und um einen hölzernen Formstock legen. Anschließend entfernte der Handwerker den Formstock und trocknete die gebogene Zarge am Ofen. Diese wurde verleimt und meistens mit einer gespaltenen Weidenrute zusammengenäht, wie dies auch hier der Fall ist. Deckel und Boden bestanden meist aus astfreiem Tannenholz. Viele Schachteln blieben unbemalt, gerade wenn sie dem Handel oder zum Transport dienten. Doch diese sind im Museum viel seltener überliefert als die von sogenannten Schachtelmalern aufwändig bemalten Exemplare.

Handel mit dem Höfischen
Solche Behältnisse wurden teilweise von Verlegern über Messen wie in Braunschweig oder Leipzig vertrieben. Ein Knotenpunkt der Distribution war auch Nürnberg, wo besonders viele Waren aus Thüringen und Berchtesgaden gehandelt wurden. In die Haushalte gelangten die Stücke vielfach über Wanderhändler.
Auf dem Deckel ist ein höfisches Paar aus der Zeit um 1780 dargestellt. Der Herr, der sich vor der Dame verbeugt, trägt einen roten Rock, eine Kniebundhose und einen Dreispitz. Die Dame kleidet eine Haube, ein Schultertuch (Fichu) und ein langes Kleid. Farblich abgestimmte Blumen und ein Baum bilden einen landschaftlichen Hintergrund. Über dem Paar steht geschrieben: „Mein Herz in mir / Theil ich mit dir“. Derartige (Liebes-)Paare und ähnliche Sprüche bildeten ein besonders beliebtes Sujet auf den meist ovalen Spanschachteln.

In Liebe und Erinnerung
Bei solchen Schachteln handelte es sich um Liebesgaben in der Tradition mittelalterlicher Minnegaben. Vor allem in ländlichen Regionen verschenkten Männer sie gerne an die Liebste. Meist gehörten sie sozial niedrigeren Schichten an als die abgebildeten Paare. Die Behältnisse gaben also nicht ihre eigene Lebenswelt wieder, sondern eine fremde, möglicherweise angestrebte. Letztlich bildeten die Schachteln in der ländlich-bäuerlichen Lebenswelt ein Statussymbol und waren Teil der mobilen Ausstattung.
Meist verwahrte man Hauben, Bänder, Tücher, aber auch Briefe und andere Erinnerungsstücke in den schmuckvoll bemalten Schachteln.
 

Weniger
Allgemeine Bezeichnung
Haubenschachtel
Inventarnummer
BA1353
Sammlung
Volkskunde-Spielzeug-Judaica
Herstellungsdatum
um 1780
Maße
H. 29,5 cm. B. 45, 5 cm
Material und Technik
Fichtenholz, Weide (Nähte); bemalt
Standort
Dauerausstellung Volkskunde
Beschreibung
"Die aus dünnen Brettern zusammengesetzten Schachteln wurden in den Gegenden mit größeren Nadelholzbeständen, vor allem in Thüringen, in Böhmen und in Oberbayern mit Berchtesgaden als einem in das 16. Jahrhundert zurückreichenden Produktionszentrum gefertigt. Die Bretteile für die Seitenwandung wurden gekocht, über einen Bock in Schachtelform gezogen und zumeist mit gespaltenen Weidenruten zusammengefügt, die Oberfläche des Deckels und der Boden sind mit kleinen Holzstiften befestigt. Behältnisse dieser Art wurden beim Versand von Waren oder als Reliquienkästen benutzt. Die großen, bemalten Ausführungen dienten der Aufbewahrung von Hauben und Schmuck. Sie waren als Liebesgaben mit Paaren dekoriert. Zu Mann und Frau in der Kleidung der Zeit um 1780 kommt ein Spruch: >>Mein Herz in mir Theil ich mit Dir<<." (Text, Deneke 1979)
Vermerk am Objekt
Inschrift: Mein Herz in mir Theil ich mit dir (Deckel)

Literatur
Bernward Deneke: Volkskunst. Führer durch die volkskundlichen Sammlungen. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. München 1979, S. 92, Nr. 129.
Mechthild Wiswe: Spanschachteln. München 1986, S. 149, Abb. 116, S. 151, Abb. 119 (Zarge und Kantenbemalung), Abb. 120 (Landschaft). Link zur Bibliothek

Sie finden das Objekt in der Dauerausstellung mit der Nummer 2: Dauerausstellung Volkskunde