Die Gegenwart des biblischen Geschehens
Das Bild vermittelt einen lebendigen Eindruck von einer Bürgerstube des 15. Jahrhunderts. Der Münchner Stadtmaler Gabriel Mälesskircher versetzt die Erzählung aus dem Neuen Testament in die spätmittelalterliche Gegenwart. Vertraute Dinge des täglichen Lebens sollten Gläubigen das biblische Geschehen näherbMehr

Die Gegenwart des biblischen Geschehens
Das Bild vermittelt einen lebendigen Eindruck von einer Bürgerstube des 15. Jahrhunderts. Der Münchner Stadtmaler Gabriel Mälesskircher versetzt die Erzählung aus dem Neuen Testament in die spätmittelalterliche Gegenwart. Vertraute Dinge des täglichen Lebens sollten Gläubigen das biblische Geschehen näherbringen.
Ursprünglich gehörte die Tafel vermutlich zu einem Marienretabel in der Klosterkirche Tegernsee. Sie zeigt Christus bei einem Gastmahl im Haus des Pharisäers Simon. Während des Essens tritt die Sünderin Maria Magdalena vor Christus, um ihn um Vergebung zu bitten. Als Geste ihrer Reue kniet sie vor ihm, trocknet mit ihren Haaren seine von ihren Tränen benetzten Füße und salbt sie (Lk 7, 36-50).

Zu Gast in gutem Hause
Der Raum, in dem sich die Szene abspielt, ist eine Bilderfindung des Malers. Dennoch enthält er viele Alltagsgegenstände eines wohlhabenden Haushalts. Das der Größe nach auf dem Wandbord aufgereihte Geschirr aus Messing war kostbar und diente gleichzeitig als Raumschmuck. Gleiches gilt für die Glasflaschen und Zinnkannen, die zum Trocknen mit geöffneten Deckeln verkehrt herum aufgehängt sind. Einen besonderen Luxus bot der danebenstehende Waschkasten. Bevor es fließendes Leitungswasser gab, diente er als Wassertank und -spender zugleich. Vor dem Essen konnte man sich mit dem aus dem Hahn laufenden Wasser die Hände waschen. Wahre Multifunktionsmöbel sind die Wendebänke um den Tisch. Ihre Rückenlehnen ließen sich umklappen, sodass man sich nach dem Essen von der anderen Seite auf sie setzen konnte – beispielsweise um näher an den warmen Ofen zu rücken.

Mittelalterliche Tischkultur
Den Mittelpunkt des Gastmahls bildet ein zubereiteter Fasan – auch damals schon eine seltene Delikatesse. Dazu wird weißes Brot gereicht, das vor allem in wohlhabenden Kreisen beliebt war. Als Besteck liegt auf dem weißen Tischtuch nur ein Messer. Gabeln gab es im Mittelalter noch nicht. Außerdem war es üblich, dass jeder sein eigenes Besteck mitbrachte. Bei Einladungen wurden – wie im Bild – nur Teller und Becher aufgedeckt.
Ein Detail, das ebenfalls auffällt, ist der Fächer aus Pfauenfedern, den ein Diener hinter dem Tisch hochhält. Es handelt sich um ein sogenanntes Flabellum, einen Gegenstand aus dem kirchlichen Bereich. Er diente während der Messe oder bei Prozessionen der Kühlung und der Fliegenabwehr. Dass sich ein solches liturgisches Gerät in eine Bürgerstube verirrt, ist wohl als Hinweis auf den außergewöhnlichen Gast zu verstehen.
 

Weniger
Titel
Die Hl. Maria Magdalena salbt Christus die Füße
Allgemeine Bezeichnung
Gemälde, Altarflügel
Inventarnummer
Gm1463
Proviso
Provenienz: Sammlung A.S. Drey; Erwerb durch gültiche Einigung mit den Erben nach A.S. Drey
Sammlung
Gemälde bis 1800
Herstellungsort
München oder Tegernsee
Herstellungsdatum
wohl 1476
Hersteller
Mälesskircher, Gabriel (nachgewiesen um 1459/60 bis 1495)
Material und Technik
Malerei auf Nadelholz
Beschreibung
Das Gemälde ist Bestandteil des Forschungsprojektes „Kunsthistorische und kunsttechnologische Erforschung der Gemälde im Germanischen Nationalmuseum“ (2013-2019). Nach Abschluss des Projektes werden die Objekt-Informationen im Onlinekatalog aktualisiert.
Literatur
Kieslinger, Franz: Gabriel Mälesskircher. In: Pantheon 13, 1934, S. 104-108. Link zur Bibliothek
Buchner, Ernst: Der wirkliche Gabriel Mälesskircher. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst N.F. 13, 1938/39, S. 38-40.
Stange, Alfred: Malerei der Gotik. Bd. 10: Salzburg, Bayern und Tirol in der Zeit von 1400 bis 1500. Berlin 1961, S. 76. Link zur Bibliothek
Wilhelm, Anton: Ein unbekanntes Werk des Münchner Malers Gabriel Mälesskircher. In: Alte und moderne Kunst, 15. 1970, 112, S. 13-15. Link zur Bibliothek
Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlung. München 1977, Nr. 186. Link zur Bibliothek
Kühnel, Harry (Hrsg.): Alltag im Spätmittelalter. Graz/Wien/Köln 1984, S. 264-265.
Der Traum vom Raum. Gemalte Architektur aus 7 Jahrhunderten. Ausst.Kat. Nürnberg, Kunsthalle und Norishalle. Marburg 1986, S. 277, Nr. 24. Link zur Bibliothek
Wilckens, Leonie von: Die Wohnung des Bürgers im späten Mittelalter. In: Das Schatzhaus der deutschen Geschichte. Das Germanische Nationalmuseum, unser Kulturerbe in Bildern und Beispielen. Hrsg. v. Rudolf Pförtner. Wien/Düsseldorf 1989, S. 249-276. Link zur Bibliothek
Zander-Seidel, Jutta: Textiler Hausrat. Kleidung und Haustextilien in Nürnberg von 1500--1650. München 1990, S. 300-301. Link zur Bibliothek
Lübbecke, Isolde: Early German painting. 1350--1550. London 1991, S. 295-297, Fig. 2.
Hofmann, Erich: 700 Jahre Hohes Haus. Die Geschichte eines Konstanzer Gebäudes. Konstanz 1994, S. 15. Link zur Bibliothek
Springer, Sophia: Die Tegernseer Altäre des Gabriel Mäleßkircher, München 1995. S. 92-93, Abb. 22. Link zur Bibliothek
Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlungen. Nürnberg 2001, S. 84. Link zur Bibliothek
Eclercy, Bastian: Von Mausefallen und Ofenschirmen. Zum Problem des »disguised symbolism« bei den frühen Niederländern. In: Der Meister von Flémalee und Rogier van der Weyden. Hrsg. von Stephan Kemperdick. Städel, Gemäldegalerie der Staatlichen Museen Berlin. Ostfildern-Ruit 2008, S. 133-147. Link zur Bibliothek
Statnik, Björn: Sigmund Gleismüller. Hofkünstler der Reichen Herzöge zu Landshut (Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte, Bd. 69; Berlin, Techn. Univ., Diss., 2004). Petersberg 2009, S. 199 u. Anm. 1015.
Suckale, Robert: Die Erneuerung der Malkunst vor Dürer (Schriftenreihe Historischer Verein Bamberg, Bd. 44). Bd. 2. Petersberg 2009, S. 136-141 u. Abb. 876.
Schütz, Karl. Das Interieur in der Malerei. München 2009, S. 50-84. Link zur Bibliothek
Mythos Burg. Bearb. von G. Ulrich Großmann, Martin Baumeister, Christine Dippold u.a. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Nürnberg/Dresden 2010, S. 200-201, Nr. 5.37.
Der Meister von Mondsee. Ausst.Kat. Belvedere Wien. Wien 2020, S. 150f. (M. T. Huber) Link zur Bibliothek
Christus im Hause des Simon