Göttlicher Geleitschutz
Die Figurengruppe verbildlicht die Geschichte von Tobias und dem Engel, die in den apokryphen Schriften des Alten Testaments überliefert ist. Tobias begibt sich darin auf eine gefahrvolle Reise, um das in der Ferne von seinem Vater hinterlegte Vermögen zurückzuholen. Auf dessen Rat hin engagiert er einen ReisebegleiMehr

Göttlicher Geleitschutz
Die Figurengruppe verbildlicht die Geschichte von Tobias und dem Engel, die in den apokryphen Schriften des Alten Testaments überliefert ist. Tobias begibt sich darin auf eine gefahrvolle Reise, um das in der Ferne von seinem Vater hinterlegte Vermögen zurückzuholen. Auf dessen Rat hin engagiert er einen Reisebegleiter als Geleitschutz. Er ahnt nicht, dass es sich dabei um den Erzengel Raphael handelt, der ihm unerkannt auf der Reise zur Seite steht. Unter anderem hilft er Tobias, im Fluss Tigris einen gefährlichen Fisch zu fangen. Dessen Gallenblase, die er von seiner Reise mit nach Hause bringt, hat heilkräftige Wirkung und gibt seinem erblindeten Vater das Augenlicht zurück.
Wie für Tobias ist Raphael auch für Betrachter der Figurengruppe nicht als Engel erkennbar, Veit Stoß hat ihn ohne Flügel dargestellt. Andere Details, die den erzählerischen Zusammenhang der Geschichte ursprünglich verbildlichten, gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren. Dazu gehört der Fisch, den Tobias an einer Schnur in seiner linken Hand bei sich trug, und die Dose mit der Fischgalle, die Raphael auf der erhobenen Hand präsentierte.

Ein spätes Meisterwerk
Veit Stoß hat wie bei vielen seiner Werke auf eine farbige Fassung des Holzes verzichtet. Doch obwohl man die Struktur des Lindenholzes erkennen kann, ist die Illusion der vom Wind gebauschten Stoffe beinahe perfekt. Mit seiner Schnitzkunst gewinnt er dem Material eine Leichtigkeit ab, die die ganze Meisterschaft des damals fast 70jährigen Künstlers offenbart. Als „miracolo di legno“, ein „Wunder aus Holz“, rühmte später der italienische Kunstschriftsteller Giorgio Vasari ein vergleichbares Werk von Veit Stoß in Florenz.

Export eines Bildthemas
Die 1516 geschaffene Figurengruppe war als Stiftung für die Nürnberger Dominikanerkirche bestimmt. Auftraggeber war der der aus Florenz stammende Fernhandelskaufmann Raffaelo Torrigiani, der sich mehrmals in der Reichsstadt aufgehalten hatte. Das in seiner Heimat verbreitete Bildthema war in der Kunst nördlich der Alpen weitgehend unbekannt. Bei der Wahl mag eine Rolle gespielt haben, dass es sich beim Erzengel Raphael um seinen Namenspatron handelt. Vor allem aber wollte der Kaufmann sich wohl – wie der junge Tobias – bei seinen weiten und gefährlichen Handelsreisen unter den Schutz einer göttlichen Macht stellen.
 

Weniger
Titel
Erzengel Raphael
Allgemeine Bezeichnung
Figur aus Lindenholz (Pl.O.1834, 2720 )
Inventarnummer
Pl.O.2720
Proviso
Leihgabe Evang.-Luth. Kirchengemeinde Nürnberg – St. Jakob
Sammlung
Skulptur bis 1800
Herstellungsort
Nürnberg
Herstellungsdatum
1516
Hersteller
Veit Stoß, um 1447-1533 Nürnberg
Maße
H. 97 cm, B. ca. 81 cm, T. ca. 40 cm
Klassifikation
Skulptur (visuelles Werk)
sculpture (visual work)
sculptures (visual works)
Material und Technik
Lindenholz - nicht gefasst
Beschreibung
Die in Deutschland bis dahin kaum bekannte, in Italien dagegen geläufige Darstellung entstammt dem alttestamentarischen Buch Tobit und berichtet die vom Erzengel begleitet, gefahrvolle Reise des jungen Tobias. Die schnitzerische Ausführung der Gruppe kennt keinen Vergleich. Der von reichen Faltenschwüngen bewegte, schraubenartig gedrehte und frei durch den Raum wallende Mantel des Engels bezeichnet einen absoluten Höhepunkt nordeuropäischer Bildhauerkunst. Mit dem teilweise so dünn wie Papier geschnittenen Holz markierte Veit Stoß seine überlegenen technischen Fähigkeiten. Mit der Wiedergabe grazilster Bewegungen, feinster Gesten und lieblichster Züge bewies er seine unangefochtene künstlerische Meisterschaft. Die Verfremdung der Oberfläche durch den Verzicht auf die Polychromie verstärkt die Abgrenzung zwischen Schnitzwerk und Wirklichkeit. Die Rechte der Standfigur ist empfehlend ausgestreckt, die Linke hält einen Bausch des bewegt fallenden, auf antike Art gegürteten, langen Gewandes.
Vitrinentext
Die Gruppe gehört zu den Hauptwerken von Stoß. Sie ist eine Stiftung des florentinischen, zeitweilig in Nürnberg tätigen Seiden- und Juwelenhändlers Raffaele Torrigiani. Die geschilderte Begebenheit stammt aus dem alttestamentlichen Buch Tobit: Auf einer abenteuerlichen Reise gesellt sich dem Jüngling ein Engel zu und erweist sich als vielfacher Beschützer. Höchste Virtuosität bezeugen komplizierte freiplastische Faltengebilde und grazil geformte Hände. Treffend sind Gewandfaltung, Körperhaltung und Schrittstellung zur Unterscheidung von himmlischem und irdischem Wesen der Figuren eingesetzt.

The group is one of Veit Stoss‘ main works. It was commissioned by the Florentine silk and jewelry merchant Raffaele Torrigiani, whose work had occasionally taken him to Nuremberg. The scene depicted is drawn from the Old Testament Book of Tobit: While underway on an adventurous journey a young man is joined by an angel who proves to be his protector on a number of occasions. Supreme virtuosity is demonstrated by the complex, swirkling folds and the delicate looking hands. The drapery folds, the poise and the stance are aptly used to distinguish between the heavenly and the earthly nature of the figures.

Literatur
Eberhard Lutze: Die "italienischen" Werke des Veit Stoss. In: Pantheon 1937 Jg. X Bd. 19, S. 183 ff.
Enciclopedia universale dell`arte 1965, Tav. 29. Link zur Bibliothek
Germanisches Nationalmuseum. Bildführer durch die Sammlungen. München 1977, S. 50, Nr. 114. Link zur Bibliothek
Veit Stoß in Nürnberg. Werke des Meisters und seiner Schule in Nürnberg und Umgebung. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum. München 1983, S. 142-148, Kat.- Nr. 8 (Jörg Rasmussen). Link zur Bibliothek
Nürnberg 1300-1550. Kunst der Gotik und Renaissnace. Ausstellungskatalog Germanisches Nationalmuseum. München/ New York 1986, Kat.- Nr. 93 (Rainer Kahsnitz) mit Abb. Link zur Bibliothek
Quasi Centrum Europae. Ausstellungskat. Germanisches Nationalmuseum. Nürnberg 2002, Kat. Nr. 8, S. 59. Link zur Bibliothek
Klaus Niehr: Im Zeitraum von Epochenschwellen. In: Spätgotik und Renaissance. Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland, Bd. 4. Hrsg. von Katharina Krause. München 2007, S. 364-365. Link zur Bibliothek
Yvonne Northemann: Zwischen Vergessen und Erinnern. Die Nürnberger Klöster im medialen Geflecht. Petersberg 2011, S. 170. Link zur Bibliothek
Frank Matthias Kammel: Spätmittelalter. In: Germanisches Nationalmuseum. Führer durch die Sammlung. Nürnberg 2012, (S. 63-84), S. 74. Link zur Bibliothek
Frank Matthias Kammel: Der Pfeiler als Bildort. Konvexe Epitaphe des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. In: Kontroverse und Kompromiss – Der Pfeilerbilderzyklus des Mariendoms und die Kultur der Bikonfessionalität im Erfurt des 16. Jahrhunderts. Hrsg. von Eckhard Leuschner, Falko Bornschein, Kai Uwe Schierz. Dresden 2015, S. 157–181, hier S. 175.
Helden Märtyrer Heilige. Wege ins Paradies. Hrsg. von Daniel Hess, Markus Prummer. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum. Nürnberg 2019, Kat.-Nr. 33.
Raffael und Tobias
Raffael and Tobias