Ein schlichtes Kleid?
Fast ohne Zier kommt dieses lachsfarbene Kleid aus hochwertigem Seidentaft aus. Durch die Reduktion der Ornamente wird das Wesentliche zur Schau gestellt. Es war passgenau für seine Trägerin geschneidert und umspielte schmeichelnd ihre Körperform. Nur die Brustpartie und die Ärmel liegen eng an, während der restliche Stoff frei fallen kann. Die Schleppe des Kleids macht deutlich, dass es sich um ein Festgewand handelt. SchließlicWeiterlesen

Ein schlichtes Kleid?
Fast ohne Zier kommt dieses lachsfarbene Kleid aus hochwertigem Seidentaft aus. Durch die Reduktion der Ornamente wird das Wesentliche zur Schau gestellt. Es war passgenau für seine Trägerin geschneidert und umspielte schmeichelnd ihre Körperform. Nur die Brustpartie und die Ärmel liegen eng an, während der restliche Stoff frei fallen kann. Die Schleppe des Kleids macht deutlich, dass es sich um ein Festgewand handelt. Schließlich findet man am Rücken doch noch ein Zierelement: Die Reihe von seidenbezogenen Holzknöpfen hat keine Funktion und betont lediglich die lange Rückenpartie des Kleides.


„Die neue Griechin“
Im 18. Jahrhundert, dem sogenannten Spätbarock oder Rokoko, war die höfische Frauenmode extrem einengend gewesen. Der Oberkörper wurde von einem Korsett eingeschnürt und unter der Taille begann ein riesiger Reifrock, der selbst alltägliche Bewegungen zu einer Herausforderung machte. Doch mit der Aufklärung begann das Bürgertum die „unnatürlichen“ Ideale des höfischen Zeremoniells abzulehnen. Stattdessen orientierten es sich an der „natürlichen“ Kleidung der antiken Griechen, die vor allem in Skulpturen überliefert war. Man nennt diese Epoche auch Klassizismus. Texte aus dieser Zeit beschreiben, dass die Bewegungen der Frauen, die als „neue Griechinnen“ gekleidet waren, viel natürlicher seien und ihr Wesen besser zur Geltung komme.

Frankreich und die Welt
Im 19. Jahrhundert war die hohe Taille der Damenkleider eine Konstante, die man bis heute in der Mode wiederfindet. Sie wird meist als Empire-Taille bezeichnet. Der Begriff kommt aus Frankreich, wo die griechische Mode im ersten Kaiserreich, dem sogenannten Empire, besonders beliebt war. Die Französinnen der Oberschicht kleideten sich gerne in der „mode à la grecque“. Denn nach der Französischen Revolution waren die Ideale der antiken griechischen Republiken populär. Der modische Pomp der Feudalgesellschaft wurde vorübergehend durch schlichte Bescheidenheit ersetzt. Doch konnte eine wohlhabende Frau hochwertigere Stoffe und bessere Verarbeitung wählen, womit sie sich subtil von der Mehrheit abhob.
 

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Vom Machen der Schachteln
Unter Schachteln verstand man bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ausschließlich solche massenweise produzierten Behältnisse aus Holzspänen. Hergestellt wurden sie in Regionen mit reichem Nadelbaumbestand wie dem Thüringer Wald, Böhmen und Oberbayern, wo Berchtesgaden ein Zentrum des Schachtelmacherhandwerks war.

Ein schmales, dünnes Holzbrett wurde zunächst lange in Wasser eingeWeiterlesen

Vom Machen der Schachteln
Unter Schachteln verstand man bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ausschließlich solche massenweise produzierten Behältnisse aus Holzspänen. Hergestellt wurden sie in Regionen mit reichem Nadelbaumbestand wie dem Thüringer Wald, Böhmen und Oberbayern, wo Berchtesgaden ein Zentrum des Schachtelmacherhandwerks war.

Ein schmales, dünnes Holzbrett wurde zunächst lange in Wasser eingeweicht. Der Span ließ sich danach biegen und um einen hölzernen Formstock legen. Anschließend entfernte der Handwerker den Formstock und trocknete die gebogene Zarge am Ofen. Diese wurde verleimt und meistens mit einer gespaltenen Weidenrute zusammengenäht, wie dies auch hier der Fall ist. Deckel und Boden bestanden meist aus astfreiem Tannenholz. Viele Schachteln blieben unbemalt, gerade wenn sie dem Handel oder zum Transport dienten. Doch diese sind im Museum viel seltener überliefert als die von sogenannten Schachtelmalern aufwändig bemalten Exemplare.

Handel mit dem Höfischen
Solche Behältnisse wurden teilweise von Verlegern über Messen wie in Braunschweig oder Leipzig vertrieben. Ein Knotenpunkt der Distribution war auch Nürnberg, wo besonders viele Waren aus Thüringen und Berchtesgaden gehandelt wurden. In die Haushalte gelangten die Stücke vielfach über Wanderhändler.
Auf dem Deckel ist ein höfisches Paar aus der Zeit um 1780 dargestellt. Der Herr, der sich vor der Dame verbeugt, trägt einen roten Rock, eine Kniebundhose und einen Dreispitz. Die Dame kleidet eine Haube, ein Schultertuch (Fichu) und ein langes Kleid. Farblich abgestimmte Blumen und ein Baum bilden einen landschaftlichen Hintergrund. Über dem Paar steht geschrieben: „Mein Herz in mir / Theil ich mit dir“. Derartige (Liebes-)Paare und ähnliche Sprüche bildeten ein besonders beliebtes Sujet auf den meist ovalen Spanschachteln.

In Liebe und Erinnerung
Bei solchen Schachteln handelte es sich um Liebesgaben in der Tradition mittelalterlicher Minnegaben. Vor allem in ländlichen Regionen verschenkten Männer sie gerne an die Liebste. Meist gehörten sie sozial niedrigeren Schichten an als die abgebildeten Paare. Die Behältnisse gaben also nicht ihre eigene Lebenswelt wieder, sondern eine fremde, möglicherweise angestrebte. Letztlich bildeten die Schachteln in der ländlich-bäuerlichen Lebenswelt ein Statussymbol und waren Teil der mobilen Ausstattung.
Meist verwahrte man Hauben, Bänder, Tücher, aber auch Briefe und andere Erinnerungsstücke in den schmuckvoll bemalten Schachteln.
 

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Abbruch und musealer Aufbruch
Die Anregung zur Präsentation einer „niedersächsische[n] Bauernstube“ ging im Februar 1897 von einem Bauinspektor in Niedersachsen aus. Er schrieb an das Germanische Nationalmuseum, dass eine solche Stube bis zu diesem Zeitpunkt in allen Museen fehlte. Entsprechende Objekte würden immer seltener, und die Museen in der Region hätten kein Interesse daran. Das GNM erwarb daraufhin eine große Anzahl von Holzbauteilen von abgeWeiterlesen

Abbruch und musealer Aufbruch
Die Anregung zur Präsentation einer „niedersächsische[n] Bauernstube“ ging im Februar 1897 von einem Bauinspektor in Niedersachsen aus. Er schrieb an das Germanische Nationalmuseum, dass eine solche Stube bis zu diesem Zeitpunkt in allen Museen fehlte. Entsprechende Objekte würden immer seltener, und die Museen in der Region hätten kein Interesse daran. Das GNM erwarb daraufhin eine große Anzahl von Holzbauteilen von abgebrochenen Bauernhöfen aus der Gegend von Diepholz. Mit ihnen sollten die Haupträume eines niedersächsischen Bauernhauses modellhaft nachgebaut werden. Schließlich wurde sogar ein ganzes Haus gekauft, um weitere Objekte für die museale Präsentation zu gewinnen. Die Anschaulichkeit ging so weit, dass die beiden ausgewählten Räume, nämlich Flett und Döns, von den Museumsbesucher*innen betreten werden konnten – und nach wie vor können.


Flett
Das typische niederdeutsche Hallenhaus ist oft in Zweiständerbauweise errichtet. Unter einem großen stroh- oder schilfgedeckten Dach sind die ausgedehnten Wirtschaftsräume und die im Verhältnis eher beengten Wohnräume vereint. Solche landwirtschaftlichen Bauten waren charakteristisch für weite Teile Norddeutschlands. Eine große Diele diente als Dreschstelle, Durch- und Futtergang sowie als Festsaal, seitlich befanden sich die Viehställe. An die Diele grenzte die Flett an, die heute allgemein als Herdraum bezeichnet wird. Mit der offenen Feuerstelle war dieser Raum das Zentrum menschlichen Zusammenlebens Die wandfesten Einrichtungsteile, Balken, Türen und die Butzen der Flett im GNM stammen aus verschiedenen Gebäuden der Kreise Diepholz und Vechta und gehören dem späten 16. bis zum 18. Jahrhundert an. Möbel und Hausrat sind zum Teil jünger.
Der nicht originale hölzerne Funkenschirm über dem Herd hielt das Flugfeuer von der Balkendecke und dem leicht entflammbaren Dach fern. Er drängte zudem den Rauch durch die Türen der Abseiten aus dem Haus, denn einen Schornstein gab es hier nicht. Der Rauch konservierte Würste und Schinken, er schützte Getreide und Dach vor Ungeziefer, jedoch führte er oft zu Augenleiden. An dem schwenkbaren Wendebaum hängt ein höhenverstellbarer Kesselhaken, durch den der Abstand des Topfes zum Feuer und somit die Wärmezufuhr beim Kochen reguliert wurde.

Döns
Beiderseits des Herdraums befinden sich die Abseiten, links mit dem Essplatz, rechts mit dem Waschplatz einschließlich des Spülsteins. Die Rückwand des Herdraums dient als Brandmauer. Sie ist mit den in Norddeutschland weit verbreiteten niederländischen Fliesen geschmückt. Eine Tür führt vom Herdraum in die holzvertäfelte Döns. Diese Bezeichnung leitet sich von dem mittelalterlichen „durnitz“ ab, dem beheizbaren Raum auf Burgen. Die Döns wurde mit einem gusseisernen Hinterlader vom Flett aus beheizt und war folglich rauchfrei, eine wichtige Voraussetzung für die Ausdifferenzierung der Wohnbereiche. Ein wandfestes Bett, Butze oder Durk genannt, war sowohl vom Flett als auch von der Döns zugänglich und ermöglichte einen Überblick über beide Bereiche. Eine weitere Durk befindet sich an der Seitenwand der Döns. Die eingebauten Butzen stammen aus unterschiedlichen Häusern und wurden dem Ziel untergeordnet, im Museum eine idealtypische Situation zu vermitteln.

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Jagd nach dem Altertum
Das Germanische Nationalmuseum versteht sich maßgeblich als Museum für den deutschsprachigen Raum. Als um 1900 der Trakt mit den sogenannten Bauernstuben eingerichtet wurde, war es daher naheliegend, dass auch ein Zimmer aus der deutschsprachigen Schweiz gezeigt wurde. Museumsleute und Freunde historistischer Lebenswelten machten damals regelrecht Jagd auf derartige Getäfer, wie die WandverWeiterlesen

Jagd nach dem Altertum
Das Germanische Nationalmuseum versteht sich maßgeblich als Museum für den deutschsprachigen Raum. Als um 1900 der Trakt mit den sogenannten Bauernstuben eingerichtet wurde, war es daher naheliegend, dass auch ein Zimmer aus der deutschsprachigen Schweiz gezeigt wurde. Museumsleute und Freunde historistischer Lebenswelten machten damals regelrecht Jagd auf derartige Getäfer, wie die Wandvertäfelungen in der Schweiz heißen. Die dortigen Museumsdirektoren und Denkmalpfleger zeigten sich besorgt angesichts des lebhaften Verkaufs dieser Altertümer ins Ausland. Die Rubrik „Schweizerische Altertümer im In- und Auslande“ in den Jahresberichten des Schweizerischen Landesmuseums, informierte eigens über den Verbleib wichtiger Objekte. Dazu zählte auch die nach Nürnberg gelangte „Stube“ aus dem Klettgau. Laut einem Schreiben des damaligen Direktors Gustav Bezold stammte sie aus „Gunterswyl oberhalb Ermatingen“, heute ein Ortsteil der Gemeinde Wäldi im Kanton Thurgau.

Modernisierung und Erinnerung
Aus dem Kanton Thurgau stammen aber letztlich nur die Zimmerdecke und die Wandvertäfelung mit dem integrierten, 1666 datierten Büfett. Alle anderen Einrichtungsgegenstände sind aus anderen Orten und aus unterschiedlichen Zeiten, obwohl sie alle gemeinsam in dieser Zusammenstellung seit über einem Jahrhundert zur visuellen Vorstellung der Region beitragen. Das Museum konnte die Einbauten über einen Landwirt, Gemischtwaren- und Antiquitätenhändler aus Jestetten an der Schweizer Grenze erwerben, der bereits seit August 1898 verschiedene Objekte nach Nürnberg geliefert hatte. Im November des Jahres wies er die Museumsmitarbeiter darauf hin, dass es ihm endlich gelungen sei, „in einem schlichten Bauernhause in der Nähe v. Konstanz, ein prachtvolles Zimmergetäfel ausfindig zu machen.“ Vor allem lenkte er den Blick auf das reich geschnitzte Büffet „von hervorragender Schönheit“. Einziger Makel der Objekte war aus seiner Sicht ihre Übermalung mit weißer Ölfarbe. Doch diese war seinen Beobachtungen gemäß bei den meisten Wandvertäfelungen inzwischen üblich. Der Besitzer der angebotenen Bauteile wünschte ihren schnellen Ausbau, da er modernisieren und eine neue Vertäfelung einbauen lassen wollte. Dieser Wunsch kam dem Museum sehr entgegen, konnte es doch auf diese Weise seine Sammlung erweitern. Die weiße Farbe wurde im Museum entfernt.
 

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Was ist eine Votivgabe?
Der Begriff Votiv leitet sich vom lateinischen „votum“ ab, was für Gelübde, Versprechen; Wunsch oder Verlangen steht. Votivgaben von Gläubigen finden sich noch heute in Wallfahrtskirchen. In der Geschichte gehen sie auf kultische Opfergaben zurück. Im Mittelalter bezeugen sie den Schutz durch einen Heiligen. Votive wurden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt, darunter Ton, Bronze,Weiterlesen

Was ist eine Votivgabe?
Der Begriff Votiv leitet sich vom lateinischen „votum“ ab, was für Gelübde, Versprechen; Wunsch oder Verlangen steht. Votivgaben von Gläubigen finden sich noch heute in Wallfahrtskirchen. In der Geschichte gehen sie auf kultische Opfergaben zurück. Im Mittelalter bezeugen sie den Schutz durch einen Heiligen. Votive wurden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt, darunter Ton, Bronze, Eisen oder Holz, vor allem aber Wachs.
Eine Votivgabe oder -tafel ist der materialisierte Ausdruck eines intimen Aktes zwischen einem Gläubigen und dem von ihm an Wallfahrtsorten angerufenen Gnadenbild. Letzteres steht entweder stellvertretend für Jesus Christus, Maria als Universalpatronin oder andere Heilige, die meist bei speziellen Anliegen um Hilfe oder zum Dank für die Errettung aus einer Notlage angerufen wurden. Votivgaben veranschaulichen oft das geheilte Leiden entweder in symbolischer Form oder als Abbild des erkrankten Organs oder Körperteils der Votanten.

Brüste als Votiv?
Brustvotive wurden unter anderem der hl. Agatha als Dank für die Heilung dargebracht, vor allem für zwei Krankheiten: Brustkrebs oder Brustentzündungen. Letztere traten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein häufig bei Wöchnerinnen auf. Die Bitte nach ausreichendem Milchfluss, also nach Muttermilch, war in den meisten Bevölkerungsschichten existentiell für das Überleben der Säuglinge, denn industriell gefertigte Babynahrung gab es noch nicht.

Wieso aus Silber?
Seit dem Barockzeitalter schätzte das Bürgertum Silber als Material für Votivgaben. Mit der Epoche der Aufklärung gewann Silber zunehmend an Bedeutung, weil damals die naiv gemalten Votivtafeln in die Kritik gerieten und echte, edle Materialien bevorzugt wurden. Im Fall dieses Brustvotivs wurden verschiedene Einzelelemente des wertigen Materials zu einer Tafel zusammengefügt. Die beiden kreisrunden Brüste stellen jedoch kein reales Abbild weiblicher Brüste dar.
 

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Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konnte man ohne das von Sonnenuhren benötigte Tageslicht auch nachts die genaue Zeit ablesen. Auf ihrer zweidimensionalen Scheibe bilden sie das Himmelsgewölbe über einem bestimmten Standpunkt auf der ErdeWeiterlesen

Vermessung der Welt
Astrolabien sind komplexe Zeit- und Raummessinstrumente in handlichem Format. Sie dienten zur genauen Messung von Winkeln, um damit Höhen und Entfernungen genau zu bestimmen. Mit ihrer Hilfe konnte man ohne das von Sonnenuhren benötigte Tageslicht auch nachts die genaue Zeit ablesen. Auf ihrer zweidimensionalen Scheibe bilden sie das Himmelsgewölbe über einem bestimmten Standpunkt auf der Erde ab. Mit verschiedenen gravierten Einlegescheiben kann man das Gerät auf den jeweiligen Breitengrad einstellen.
Die vielfachen Mess- und Orientierungsfunktionen machten Astrolabien zu einem wichtigen Instrument der Seefahrt. Zusammen mit gedruckten Tabellen erleichterten sie die Navigationsmöglichkeiten von Hochseeseglern.

Antikes Erbe – arabische Herkunft
Entwickelt wurden Astrolabien von griechischen Wissenschaftlern in der Antike. Sie wurden im islamisch-arabischen Kulturraum intensiv genutzt und gelangten im Mittelalter zurück nach Europa. Auch dieses Astrolabium stammt aus dem Nahen Osten. Die eingravierten Namen in arabischer Schrift bezeugen, dass es im 12. oder 13. Jahrhundert vom arabischen Meister Al-Sahl al-Nisaburi für den Herrscher der syrischen Stadt Hama hergestellt wurde. Die Datierung schwankt um hundert Jahre, da es in Hama drei Fürsten gleichen Namens gab. Eine Besonderheit dieses Astrolabiums sind die zwölf arabisch beschrifteten Tänzer und Fabelwesen, die auf der Rückseite als „Sternenzeiger“ dienen. Als Weltmodelle waren so aufwendig gestaltete Astrolabien beliebte Statussymbole von Herrschern.

Ein reines Schaustück?
Auf welchen Wegen dieses Astrolabium nach Nürnberg kam, ist nicht bekannt. Es soll sich im Spätmittelalter im Besitz des Johannes Regiomontanus befunden haben. Der Mathematiker und Astronom war 1471 nach Nürnberg gezogen, wo er systematische Beobachtungen des Himmels mit selbst konstruierten Geräten betrieb. Die Reichsstadt war für ihre Metallhandwerke berühmt und im 15./16. Jahrhundert eines der wichtigsten Zentren für den Bau wissenschaftlicher Instrumente.
Ob das Astrolabium des al-Sahl al-Nisaburi jemals praktisch zum Einsatz kam, ist höchst zweifelhaft. Denn die zugrunde liegenden Fixsternpositionen waren zu seinem Entstehungszeitpunkt bereits veraltet. Möglicherweise handelt es sich um ein reines Schaustück. In Nürnberg gelangte es in die Sammlung der Stadtbibliothek. 1877 kam es als Dauerleihgabe an das GNM, das mit 14 Astrolabien eine der bedeutendsten Sammlung dieser Instrumente weltweit beherbergt.
 

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Ein Zimmer zieht um
Als im Jahr 1901 die gesamte Inneneinrichtung eines barocken Wohnhauses in Aachen versteigert wurde, erwarb das Germanische Nationalmuseum den „kleinen Gobelinsaal“. Die geschnitzten Wandvertäfelungen aus Holz und die Bildteppiche wurden ins Museum transferiert, wo sie bis heute den ursprünglichen Raumeindruck wiedergeben. Nur die stuckierte Decke sowie die Möbel fehlen. Ein Kamin aus einem ScWeiterlesen

Ein Zimmer zieht um
Als im Jahr 1901 die gesamte Inneneinrichtung eines barocken Wohnhauses in Aachen versteigert wurde, erwarb das Germanische Nationalmuseum den „kleinen Gobelinsaal“. Die geschnitzten Wandvertäfelungen aus Holz und die Bildteppiche wurden ins Museum transferiert, wo sie bis heute den ursprünglichen Raumeindruck wiedergeben. Nur die stuckierte Decke sowie die Möbel fehlen. Ein Kamin aus einem Schloss in Lüttich ergänzt das Ensemble, da das Original in Aachen verblieb. Die Holzsichtigkeit der Vertäfelungen ist besonders charakteristisch für den Aachener Kunsthandwerksstil des 18. Jahrhunderts. Statt sie farbig zu bemalen oder zu vergolden, erhielten sie nur einen Wachsüberzug. So kann die natürliche Maserung des Eichenholzes zur Geltung kommen. Die geschnitzten Ornamente beinhalten viele Masken und Muscheln, sind aber noch streng symmetrisch angeordnet. Daher kann man das Aachener Zimmer, welches um 1740 entstand, als Werk des frühen Rokokos bezeichnen.

Der Moses-Saal
Die Bildteppiche sind Wirkarbeiten und daher besonders detailliert und leuchtkräftig. Allerdings sind die Textilien sehr lichtanfällig, so dass die Farben heute verblasst sind. Die Signatur auf den Teppichen verrät, dass sie in der Werkstatt der Brüsseler Familie van der Borght entstanden. Brüssel war damals ein wichtiges Zentrum für die Herstellung repräsentativer Bildwirkereien. Die Teppiche aus dem Aachener Zimmer zeigen Szenen aus dem Leben Moses‘: Von seiner Auffindung als Kleinkind am Nil, über die Teilung des roten Meeres, bis hin zum Zerbrechen der Gesetzestafeln. Passend zum „kleinen Gobelinsaal“ im Erdgeschoss gab es noch einen „großen Gobelinsaal“ im ersten Stock des Aachener Hauses. Dessen Wandteppiche stellten die fünf Erdteile dar, jedoch sind sie heute nicht mehr vollständig erhalten.

Das Wespienhaus
Johann von Wespien war der Auftraggeber des repräsentativen Aachener Wohnhauses. Er war ein äußerst wohlhabender Tuchfabrikant, der reich geheiratet hatte. 1756 bis 1759 war er Aachens Bürgermeister. Sein Haus in der Kleinmarschierstraße wurde 1734-1737 erbaut, jedoch sollte die Vervollständigung der Inneneinrichtung noch viel länger dauern. Als Architekt diente Johann Joseph Couven, der an mehreren Bauvorhaben Wespiens beteiligt war. Couven stimmte die Fassade und das innere Dekorationsschema harmonisch aufeinander ab, weswegen dieses Haus später als sein bestes Werk galt. Da Wespien keine Nachkommen hinterließ, kam das Haus in den Besitz einer anderen Familie, die 1901 aus Geldnot die Inneneinrichtung versteigern musste. 1943 wurde es bei einem Luftangriff fast vollständig zerstört und nicht wiederaufgebaut.

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Ein individuelles Bildnis
Das Bildnis des Grafen Georg von Löwenstein ist eines der frühesten erhaltenen Porträts eines deutschen Malers. In verblüffender Naturtreue erfasst es die individuellen Züge des greisen Klerikers. Die gealterte Haut, das schütter werdende Haar und die an der Schläfe hervortretende Ader wurden vom Maler genauestens beobachtet und mit feinem Pinselstrich wiedergegeben. Der so lebensnah dargestellte Georg von LöwenWeiterlesen

Ein individuelles Bildnis
Das Bildnis des Grafen Georg von Löwenstein ist eines der frühesten erhaltenen Porträts eines deutschen Malers. In verblüffender Naturtreue erfasst es die individuellen Züge des greisen Klerikers. Die gealterte Haut, das schütter werdende Haar und die an der Schläfe hervortretende Ader wurden vom Maler genauestens beobachtet und mit feinem Pinselstrich wiedergegeben. Der so lebensnah dargestellte Georg von Löwenstein stammte aus einer fränkischen Adelsfamilie und war ein einflussreicher Domherr in Bamberg.

Blickwechsel
Zu dem Porträt gehörte ursprünglich ein zweites Gemälde, das sich heute im Kunstmuseum Basel befindet. Es zeigt Christus als Schmerzensmann mit den Wundmalen seiner Kreuzigung. Die beiden Tafeln waren durch Scharniere zu einem aufklappbaren Bildpaar verbunden, einem sogenannten Diptychon. Öffnete man sie, traten Christusdarstellung und Porträt in direkte Beziehung: Georg von Löwenstein, der beim Lesen in seinem Gebetbuch inne zu halten scheint, richtet seinen Blick direkt auf den Erlöser. Durch die Gegenüberstellung hat er den Gegenstand seiner inneren Betrachtungen gleichsam vor Augen. Der Schmerzensmann wurde im Mittelalter als Verkörperung von Gottes Barmherzigkeit interpretiert. Mit ihm verbunden ist die Hoffnung der Menschen auf ein gnädiges Urteil über die Seele nach dem Tod. Deshalb wird vermutet, dass Löwenstein das Bildnis anlässlich seiner Testamentssetzung 1456 in Auftrag gab.

Eine neue Bildgattung entsteht
Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhundert finden sich in der Malerei Europas die ersten eigenständigen Porträts. Die frühesten überlieferten Beispiele zeigen ausschließlich Angehörige des Hochadels. Im 15. Jahrhundert ließen sich dann zunehmend auch Angehörige des niederen Adels, des Klerus und der städtischen Oberschicht im Porträt darstellen. Ihr Bedürfnis war es, der eigenen Person Bedeutung zu verleihen und ein Andenken zu sichern. Häufig standen diese Bildnisse in einem religiösen Zusammenhang. Bei dem Bildnis Löwensteins wird dies durch die Gegenüberstellung mit Christus deutlich.
Hans Pleydenwurff kam mit seiner detailgenauen Wiedergabe dem Wunsch nach persönlicher Repräsentation entgegen. Die entscheidenden Anregungen für den realistischen Malstil des Löwenstein-Bildnisses hat er wohl direkt in den Niederlanden erworben. Seine Werkstatt übernahm später Michael Wolgemut, der wiederum zum Lehrer von Albrecht Dürer wurde.
 

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Ans Tageslicht geholt
Die Tannenberg-Büchse ist die älteste sicher datierbare Handfeuerwaffe Europas. Benannt wurde sie nach ihrem Fundort, der 1399 zerstörten Burg Tannenberg in Hessen. 1849 fand man sie dort während einer der ersten mittelalterarchäologischen Ausgrabungen in Deutschland. Sie lag in der Zisterne, die durch die Zerstörung der Burg verschüttet worden war. Dass die Anlage – ebenfalls durch Feuerwaffen – Ende des 14. JahrhuWeiterlesen

Ans Tageslicht geholt
Die Tannenberg-Büchse ist die älteste sicher datierbare Handfeuerwaffe Europas. Benannt wurde sie nach ihrem Fundort, der 1399 zerstörten Burg Tannenberg in Hessen. 1849 fand man sie dort während einer der ersten mittelalterarchäologischen Ausgrabungen in Deutschland. Sie lag in der Zisterne, die durch die Zerstörung der Burg verschüttet worden war. Dass die Anlage – ebenfalls durch Feuerwaffen – Ende des 14. Jahrhunderts vollständig in Schutt und Asche gelegt und nicht wiederaufgebaut wurde, erwies sich als Glücksfall für die Archäologen. Denn dadurch konnte die Büchse mit Sicherheit auf eine Zeit vor 1399 datiert werden.

Zerstörerische Kraft
Handbüchsen gehören zu den frühesten Feuerwaffen. Sie wurden parallel zu den schwereren Feuergeschützen der Artillerie seit den 1360er Jahren entwickelt. Anders als Kanonen waren sie viel mobiler und konnten von einem oder zwei Männern herumgetragen und abgefeuert werden. Sie bestanden aus einem Metallrohr, das zur besseren Handhabung auf einen langen Holzstock montiert war. Geschossen wurde mit Schwarzpulver und Munition aus Bleikugeln, die von vorne in das Rohr geladen wurden. Durch das seitliche Zündloch brachte eine glühende Lunte das Schwarzpulver zur Explosion, die Kugel wurde „abgefeuert“.
Diese frühen Feuerwaffen bargen für ihre Schützen auch Risiken. Es fehlten Erfahrungen im Umgang mit Pulver und Munition, aber auch Spezialisten zur Herstellung der Waffen. Der Beruf des Büchsenmachers entwickelte sich erst im Laufe des 14. Jahrhunderts. Untersuchungen der Tannenberg-Büchse zeigten, wie porös das Rohr aus gegossener Bronze ist. Möglicherweise wäre es beim Zünden explodiert, was offenbar mit einer ähnlichen Waffe passiert ist, deren Fragmente man in unmittelbarer Nähe gefunden hat. Die Tannenberg-Büchse wurde dagegen nicht abgefeuert. Als man sie fand, steckte in ihrem Lauf noch die Kugel.

Eine neue Art der Kriegführung
Feuerwaffen veränderten die Kriegführung gegen Ende des 14. Jahrhunderts grundlegend. Ermöglicht wurde die neue Waffentechnologie durch die Erfindung des Schwarzpulvers in China. Obwohl die ersten Handfeuerwaffen bereits eine beachtliche Reichweite hatten, schossen sie nur sehr ungenau. Auch in der Schussfrequenz waren sie den damals üblichen Handbögen und Armbrüsten unterlegen. Dennoch setzten sie sich immer mehr durch. Man konnte sie kostengünstig und in großen Mengen herstellen, und es brauchte im Unterschied zu anderen Fernwaffen keine lange Ausbildung, um sie zu bedienen.
 

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